1402: Zusammenprall der Eroberer

von Mirko Gründer

1402 erlebte das Osmanische Reich die schwerste Stunde seiner noch jungen Geschichte. In der Ebene von Ankara, der heutigen türkischen Hauptstadt, trafen die Armeen des Sultans Bajasid auf die Krieger Timur Lenks, des Erben Dschingis Khans.

Der in der Schlacht bei Ankara 1402 geschlagene Sultan der Osmanen bliebt bis zu seinem Tode Gefangener des Siegers Timur.

Der in der Schlacht bei Ankara 1402 geschlagene Sultan der Osmanen bliebt bis zu seinem Tode Gefangener des Siegers Timur. Hier eine romantisierte Darstellung von 1878: Timur triumphiert stehend über den despressiv in der Nische sitzenden Sultan.

(Bildnachweis: Gemälde von Stanisław Chlebowski (1878), Public Domain, via Wikimedia Commons)

Am Anfang des 15. Jahrhunderts umfasste das Osmanische Reich eine Gesamtfläche von fast 700.000 Quadratkilometern. Sultan Bajasid I., genannt „Yildirim“, „der Blitz“, gebot von seiner Hauptstadt Bursa in Westanatolien aus über die gesamte kleinasiatische Halbinsel und den Südosten des Balkans: Bulgarien, das südliche Rumänien und den Südosten Serbiens, Mazedonien und den Nordosten Griechenlands. Millionen von Menschen lebten in seinem Herrschaftsbereich, und bei Bedarf konnte er mehr als 100.000 Krieger ins Feld führen. In nur zwölf Jahren Herrschaft hatte er das Reich seines Vaters mehr als verdoppelt.

DATUM:

Am 28. Juli 1402 prallten auf der Ebene von Ankara die Heere der Osmanen und des Kriegsherrn Timur Lenk aufeinander.

Das christliche Abendland zitterte vor dem großen Eroberer, seit er 1396 einem Kreuzfahrerheer, das aus der Elite der europäischen Ritterschaft bestand, einen vernichtenden Schlag versetzt hatte. Vor allem die Tage der einstigen Großmacht Byzanz schienen gezählt: Längst war der Herrschaftsbereich des oströmischen Kaisers auf das Gebiet beschränkt, das er von den Mauern Konstantinopels überblicken konnte. Seit der Unterwerfung der türkischen Kleinfürstentümer in Anatolien durch Bajasid schien nichts mehr den weiteren Vormarsch der Türken nach Nord und Süd aufhalten zu können.

Der Erbe Dschingis Khans

Weit entfernt im Osten, in den fernen Ebenen am Kaspischen Meer, erwuchs den Osmanen jedoch ein Feind, der sich mit ihm messen konnte. Timur Lenk – „Timur der Lahme“, oder Tamerlan – errichtete dort in den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts ein Großreich auf den Trümmern der mongolischen Eroberungen. Der brillante und gnadenlose Feldherr verstand sich als Erbe Dschingis Khans. Als er 1401 Bagdad eroberte und begann, in die mesopotamische Ebene und weiter nach Syrien vorzustoßen, wurde ein Zusammenstoß der beiden großen Eroberer unvermeidlich.

Aufgestachelt von den von Bajasid erst kurz zuvor grausam unterworfenen anatolischen Fürsten brach Timur noch im Jahr 1400 erstmals in das Herrschaftsgebiet des Sultans ein, eroberte und plünderte Sivas in Ostanatolien und zog sich zurück – nicht ohne Ertogrul, einen Sohn Bajasids, der in seine Hände gefallen war, hinrichten zu lassen. Der Sultan selbst erreichte mit seiner Streitmacht den Schauplatz zu spät – die Reiterheere des Mongolenfürsten waren bereits wieder fort.

Die Entscheidungsschlacht der Eroberer

Erst zwei Jahre später kehrte Timur zurück, und diesmal suchte er die Konfrontation. Bajasid zog ihm mit allen Kriegern entgegen, die er aufbieten konnte – wohl um die 70.000 Mann. Timur jedoch, verstärkt durch die anatolischen Fürsten, führte mindestens doppelt so viele Krieger ins Feld. Mitten in Anatolien auf der sonnenverbrannten Hochebene bei Ankara, der heutigen türkischen Hauptstadt, trafen die Heere aufeinander. Unter dem Massenansturm der tatarischen Reiter fiel das in Kriegen gegen europäische Ritter so erfolgreiche osmanische Heer in sich zusammen. Die Janitscharen, die so oft in der Vergangenheit schlachtentscheidenden türkischen Eliteregimenter, hatten sich wie immer eng um ihren Sultan geschart. Doch auch sie konnten den fortgesetzten Angriffen nicht standhalten. Als sich Bajasid endlich zum Rückzug entschloss, war es zu spät: Von der osmanischen Schlachtordnung war nichts mehr übrig. Was blieb, war die wilde Flucht. Mochte der Mongole siegen. Man würde ihm für eine Weile Anatolien überlassen, daheim im Westen seine Wunden lecken und mit neuer Macht zurückkehren…

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Mitten im Rückzug sahen sich Bajasid und seine Janitscharen plötzlich von tatarischen Kriegern umgeben. Ein Entkommen war unmöglich. Der Sultan der Osmanen war ein Gefangener Timurs, des Weltenstürmers.

Der gefangene Sultan

Viele Chroniken, zeitgenössische und nachfolgende, und nicht zuletzt Romane und Theaterstücke erzählen die Geschichte von Timur dem Lahmen. Sie vergessen nie zu erwähnen, wie er den von ihm besiegten Sultan der Osmanen, der es gewagt hatte, sich ihm in den Weg zu stellen, als Besiegten, gedemütigt, für alle sichtbar auf seinem Weg durch Kleinasien mit sich führte. Die Schilderungen darüber sind je nach Seite verschieden. Während osmanische Historiker Mühe darauf verwenden, die Schmach für Bajasid gering zu halten, überschlagen sich feindliche byzantinische und muslimische Chronisten gerade darin, ihm erlesene Demütigungen durch Timur zukommen zu lassen. Da heißt es etwa, dass Timur den gefangenen Sultan an einer Kette bei sich führte und ihn bei Bedarf als Sockel beim Besteigen seines Pferdes benutzte. Eine andere Erzählung besagt, Bajasid sei in einem großen eisernen Käfig durch die nur wenige Jahre zuvor von ihm unterworfenen Länder Anatoliens gefahren worden. Und aus Scham über die Demütigung hätte er, unfähig, sein Schicksal zu ertragen, sich selbst das Leben genommen, indem er seinen Kopf so lange an die Stäbe seines Käfigs schlug, bis er starb.

Gegner der Türken malten die Gefangenschaft des Sultans genüsslich als Martyrium: Hier zeigt eine Lithographie von 1860, wie Bajasid von Timur im Käfig gehalten wird.

Gegner der Türken beschrieben die Gefangenschaft des Sultans genüsslich als Demütigung: Hier zeigt eine Lithographie von 1860, wie Bajasid von Timur im Käfig gehalten wird.

(Bildnachweis: Gemälde von György Vastag (1886), Public Domain, via Wikimedia Commons)

Wie die Gefangenschaft des Sultans tatsächlich verlief, bleibt ungeklärt. Auch die Art seines Todes, fast ein Jahr nach seiner Gefangennahme, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben.

Timur zog nach der Schlacht von Ankara am 28. Juli 1402 gen Westen und stieß bis ans Mittelmeer vor. Von Smyrna, dem heutigen Izmir, kehrte er auf einer südlichen Route nach Osten zurück und verließ Anatolien im März 1403 mit Stoßrichtung auf Damaskus. Er kehrte nie zurück in diese Weltgegend. Aber all diese Zeit führte er den geschlagenen Sultan der Osmanen als Beutestück mit sich, sichtbar für alle Augen als Zeichen für seinen Sieg in dieser größten seiner Schlachten.

Das Osmanische Reich lag in Trümmern. Der Weg, der gerade einhundert Jahre zuvor in einem kleinen turkmenischen Stammesfürstentum begonnen hatte, schien beendet, kaum dass er begonnen hatte. Zwischen Bajasids Söhnen brach ein kompromissloser Kampf um die Nachfolge des Vaters aus, der erst ein Jahrzehnt später endete.

 

Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

Literaturtipps:

  • Tilman Nagel: Timur der Eroberer und die islamische Welt im späten Mittelalter, München 1993.
  • Ferenc Majoros/Bernd Rill: Das Osmanische Reich 1300-1922 – Die Geschichte einer Großmacht, Regensburg 1994.
  • Klaus-Peter Matschke: Die Schlacht bei Ankara und das Schicksal von Byzanz, Böhlau/Weimar 1981.
  • Nicolae Jorga: Geschichte des Osmanischen Reiches, 5 Bde., Gotha 1908-13.