Aschera und der Apfel im Paradies

Die Verheißung auf ein Leben nach dem Tode im Paradies gehört seit Jahrtausenden zu den Vorstellungen der Christen und Muslime. Beide Weltreligionen beziehen sich dabei auf einen eher kurzen Text aus der Genesis, dem ersten Buch Mose.

Der "Sündenfall" der Bibel: Adam und Eva am Portal des Dogenpalastes in Venedig. Der „Sündenfall“ der Bibel: Adam und Eva am Portal des Dogenpalastes in Venedig.
(Bildnachweis: © 2012 Mirko Gründer)

Der Tanach – das Alte Testament der christlichen Bibel – findet das Paradies mit Ausnahme einer kurzen Passage in der Genesis keiner weiteren Erwähnung wert. Das heilige Buch der Juden kennt auch keine paradiesische Verheißung – so wie es insgesamt keinerlei Auskunft darüber gibt, ob und was mit dem Menschen nach dessen irdischen Ableben geschieht. Aus gutem Grunde, denn der Geschichte vom Paradies liegt eine Fabel zu Grunde, die ihren Ursprung dort hat, wohin der Monotheismus vorgeblich nie wollte: Bei der Aschera des Nordsemitischen Polytheismus.

Aschera ist die Muttergöttin der frühsemitischen Religionen und somit Mutter aller Götter und Göttinnen des orientalischen Pantheons. Sie ist die Göttin der Fruchtbarkeit und der Liebe und als göttliche Mutter der Gottessöhne, der Baale, verkörpert sie in gewisser Weise die religionsphilosophische Vorgängerin der christlichen Maria als Mutter Gottes.

Zu Ehren der Aschera werden von den Hebräern und den anderen Nordsemiten so genannte Ascherim aufgestellt, im Tanach als „Bäume“ bezeichnete Säulen – Phallussymbole, verziert mit Granatäpfeln, die als Zeichen der Fruchtbarkeit die der Fruchtbarkeitsgöttin Aschera zugeordnete Frucht sind. Biblische Beschreibungen, die derartige Granatapfelverzierungen nennen, beschreiben damit immer einen ursprünglich der Aschera geweihten Gegenstand oder Ort – und keinen des einen Gottes Jahwe. Einen solchen Text finden wir im ersten Buch der Könige mit der Beschreibung des angeblich von Salomo gebauten und dem Jahwe geweihten Großen Tempel von Jerusalem: „Und er machte Granatäpfel, und zwar zwei Reihen ringsum, über das eine Netzwerk, zur Bedeckung der Kapitäle, die auf der Spitze der Säulen waren; und ebenso machte er es an dem anderen Kapitäl.“

Die Beschreibung ist ein unverkennbarer Hinweis darauf, dass der Große Tempel von Jerusalem, so wie ihn die antiken Autoren kannten und beschrieben, ursprünglich der Aschera geweiht war und nicht von Salomo dem Jahwe errichtet wurde.

Die Offenbarung der Geschlechtlichkeit

Der Apfel des Paradieses, wie es die Genesis schildert, ist dieser Granatapfel – der geöffnet symbolisch für die Vulva der Frau steht und der den Menschen zum Gott macht, wenn er davon kostet. So zumindest behauptet es die Schlange im Tanach.

Eva (in der wir unter Bezug auf den semitischen Wortstamm „das Geschenk“ oder „die Gabe“ erkennen können), die Frau, lässt ihren Gatten Adam („der Mensch“) von den Reizen ihrer Fruchtbarkeit kosten – und die Erkenntnis ihrer Nacktheit kommt über beide. Die Geschichte in der Genesis umschreibt nichts anderes als den ersten Geschlechtsakt der biblischen Menschheitsgeschichte: Der Penis, symbolisiert durch das Phallussymbol Schlange, verführt die Frau, sich dem Manne hinzugeben. Sie wiederum verführt ihn, den Mann, mit dem Granatapfel als Symbol ihres Geschlechtsorgans.

Nachdem der Akt vollzogen ist, überkommt die beiden Menschen die Erkenntnis über den Zweck ihrer anatomischen Unterschiedlichkeit. Der Mensch entdeckt seine Sexualität, indem er das Gebot seines allmächtigen Vaters bricht und die Frucht vom Baum der Erkenntnis isst. Damit ist es vorbei mit dem unbeschwerten, naiven Leben im Paradies der Kindheit. Ihr Schöpfer verweist sie aus diesem Paradies – von nun an müssen „der Mensch“ und sein „Geschenk“ als Mann und Frau ohne ihren Vater und doch gemeinsam ihr Leben meistern.

Und so steht noch ein weiteres in dieser Geschichte: Wer als Erwachsener nach dem Paradies der Bibel sucht oder es gar geografisch zu verorten sucht, muss wissen – dorthin führt kein Weg zurück.

Gottgleich durch Sexualität

Was aber ist nun das himmlische Paradies, das Generationen von Kirchenleuten ihren Gläubigen als Belohnung für kritiklose Unterwerfung und im Zweifel menschenunwürdiges Leben versprachen? Mit dem Paradies der Genesis hat es nicht einmal in übertragenem Sinne etwas zu tun. Wenn überhaupt, dann findet sich die Hoffnung auf das himmlische Paradies in den Vorstellungen der Reinkarnation von Hinduismus und Buddhismus. Denn nur die Wiedergeburt kann den erwachsenen Menschen zurück versetzen in die Unbeschwertheit der Kindheit. Der aufgeklärte Mensch der Neuzeit weiß spätestens jetzt: Die Geschichte mit dem Paradies ist keine jüdisch-christliche Dichtung, sondern bei den Ascheraisten und vermutlich noch älteren Quellen abgeschrieben.

Und die verkannte Schlange? Sie wird als verführendes Phallusobjekt nicht nur zu Unrecht in die Verantwortung genommen, während Adam, der Mann, sich scheinbar unbeteiligt und als der ob seiner Triebhaftigkeit unschuldig Verführte aus der Verantwortung schleicht. Sie hat auch recht, denn ihre Zusage erfüllt sich: Wenn der Mensch vom Baum der Erkenntnis isst und somit seine Sexualität erkennt, wird er wie ein Gott. Er kann nicht nur – wie im Tanach beschrieben – gut und böse unterscheiden. Ihm wird sogar zuteil, was zuvor nur den allmächtigen Göttern, den Alahim der Semiten, vorbehalten war: Die Erde mit neuem Leben zu füllen.

© 2012 Tomas M. Spahn

Lesetipps zum Thema

Webtipps:
Literaturtipps:
  • Tomas M. Spahn: Das Biblikon-Projekt, Teil 1 – Von Adam zu Mose: Die Entschlüsselung des Bibel-Codes – An den Toren des Tanach, Hamburg/Greifswald/Berlin 2012.