Verbrannte Bücher: Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ von 1933

von Peter Rischer

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 kulminierten der schon seit längerem wieder verstärkt gärende deutsche Antisemitismus sowie ein reaktionärer Antimodernismus und Antiintellektualismus in reichsweit koordinierten Bücherverbrennungen.

"Undeutscher Geist" auf dem Scheiterhaufen: Die Liste der von den Nationalsozialisten verfemten Autoren ist lang.

„Undeutscher Geist“ auf dem Scheiterhaufen: Die Liste der von den Nationalsozialisten verfemten Autoren ist lang.

(Bildnachweis: © 2012 Mirko Gründer)

Schon in den Jahren vor 1933 kam es in den Presseorganen der völkischen und nationalsozialistischen Kräfte zu kaum verhohlenen Rachefantasien gegen missliebige Kulturschaffende – bis hin zu offenen Drohungen und Angriffen. Entlassungen, Prozesse und rigorose Zensur waren bereits seit Ende der Zwanziger Jahre an der Tagesordnung, Pressefreiheit ein Begriff aus der Vergangenheit. Die Passivität des bürgerlichen sowie die Schwäche und weitgehende Isolation des linken Lagers taten ihr Übriges.

Mit dem Machtantritt Hitlers und der Ernennung seiner Minister beschleunigte sich diese Entwicklung. Die Schläge gegen die Freiheit von Wort und Geist – oder das, was davon übrig war – kamen rasch und hart. Ein wichtiger Ausgangspunkt dieser Endphase war die Gleichschaltung und personelle „Säuberung“ der Kulturverbände und die wochenlange „Aktion wider den undeutschen Geist“. Personell getragen wurde diese Aktion hauptsächlich von der im Vorlauf nazifizierten organisierten Studentenschaft. Eine Mischung aus Anbiederung und Profilierungssucht ihrer führenden Köpfe und der Dynamik der Judenboykotte erleichterten ihre Akzeptanz. Sie mündete schließlich in die reichsweiten Bücherverbrennungen des 10. Mai 1933.

Schwarze Listen mit „wissenschaftlicher“ Akribie

Anhand thematisch geordneter Schwarzer Listen, erstellt im Auftrag der Deutschen Studentenschaft und gebilligt von der Reichsführung, wurden öffentliche Stadt- und private Leihbüchereien sowie oftmals auch Buchhandlungen angewiesen, unliebsame Werke auszusondern. Universitäts- und Staatsbibliotheken brauchten die betroffene Literatur lediglich aus dem allgemeinen Publikumsverkehr zu entfernen. Mit der Anfertigung dieser Schwarzen Listen wurde der Bibliothekar Wolfgang Herrmann, ein promovierter Historiker, betraut. Mit deutscher Gründlichkeit erarbeitete er mit zwei Kollegen zunächst einen Modus Operandi, um auf dieser Basis die missliebigen Autoren in verschiedene Kategorien einzuordnen. Auch in der Zeit nach den Verbrennungen vom 10. Mai wurden Herrmanns Listen noch lange weiter ergänzt. Sie wuchsen zur „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ mit abertausenden Titeln.

Die Schwarzen Listen des Frühjahrs 1933 teilten die verfemten Autorinnen und Autoren ein in:

  • Schöne Literatur (u. a. Lion Feuchtwanger, Erich Kästner, Alexandra Kollontay, Heinrich Mann, E. M. Remarque)
  • Geschichte (u. a. Rosa Luxemburg, Leo Trotzki)
  • Kunst (u. a. Bände von und über Marc Chagall, Otto Dix, Paul Klee)
  • Politik- und Staatswissenschaften (u. a. August Bebel, Friedrich Engels, Theodor Heuss, Karl Marx)

Nur wenig später kamen noch Listen mit den Kategorien „Literaturgeschichte“ (u. a. Franz Mehring, Stefan Zweig) sowie „Religion, Philosophie, Pädagogik“ (u. a. Karl Kautsky, Georg Lukács) hinzu. Im Allgemeinen landete auf den Listen alles, was tatsächlichen oder angenommenen jüdischen Ursprungs war, demokratisch, kommunistisch bzw. marxistisch „belastet“ oder was keinen Platz in den engen moralischen Grenzen des neuen Regimes fand. Moderne Großstadtliteratur wurde so zu Gossenschmutz herabgewürdigt, Kritik an Krieg und Militarismus zur Denunzierung deutscher soldatischer Tugenden erklärt. Literatur von Frauen musste nicht einmal explizit feministisch sein, um gebannt zu werden. Je paranoider das Nazisystem im Laufe der Jahre wurde, desto stärker wurden die Kriterien für „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“ ausgeweitet. Mehr und mehr Autoren und Werke wurden verfemt.

Die Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933

Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ sollte als Teil der „nationalen Revolution“ 1933 ein Signal setzen. Ihr Höhepunkt wurde die von der Deutschen Studentenschaft koordinierten reichsweiten Bücherverbrennung am 10. Mai.

Ende April waren Herrmanns Listen an die studentischen Exekutivtrupps verteilt worden. Die Abholung der teils schon vorab ausgesonderten Bände am 6. Mai gestaltete sich mangels Widerstandes recht einfach. Bis zum Abend der Vernichtung wurden die Bücher in verschiedenen Räumen der örtlichen Studentenschaften und bei involvierten Burschenschaften gelagert.

Am 10. Mai 1933 wurden deutschlandweit in Universitätsstädten zahlreiche "undeutsche" Bücher verbrannt - hier bei der zentralen Veranstaltung auf dem Berliner Opernplatz.

Am 10. Mai 1933 wurden deutschlandweit in Universitätsstädten zahlreiche „undeutsche“ Bücher verbrannt – hier bei der zentralen Veranstaltung auf dem Berliner Opernplatz.

(Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 102-14597/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Die Choreografie für die Verbrennungen des 10. Mai sah für alle teilnehmenden Standorte einen einheitlichen Ablauf vor. Nach einer Auftaktkundgebung im jeweiligen Auditorium Maximum sollten die Bücher im Rahmen eines Fackelzuges zum Verbrennungsort gebracht und dort unter Proklamation der „Feuersprüche“ auf dem Scheiterhaufen vernichtet werden. Die Organisation wurde oftmals von der SA und deren Marschkapellen unterstützt. Die größte der Verbrennungen fand auf dem Opernplatz in der Reichshauptstadt Berlin statt und wurde entsprechend inszeniert: Goebbelsrede, Filmkameras und Übertragung im Radio. Das aufgrund der schlechten Witterung von der Feuerwehr mit Benzin angefachte Feuer verschlang mehrere 10.000 Bände allein in Berlin.

Das Fanal der Bücherverbrennungen tobte von März bis Oktober 1933, von Flensburg bis Rosenheim. Die „nationale Revolution“ wollte das Land im Feuer reinigen. Joseph Goebbels verkündete am 10. Mai auf dem Berliner Opernplatz triumphierend: „Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist zu Ende gegangen, und die deutsche Revolution hat dem deutschen Wesen wieder die Gasse freigemacht.“ Abgesehen von den Werken der Schwarzen Listen wurden dabei auch viele andere vernichtet, je nach dem, was den völkisch-nationalen Eiferern gerade als „volkszersetzend“ dünkte.

 

Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

Literaturtipps:

  • Werner Treß (Hrsg.): Verbrannte Bücher 1933 – Mit Feuer gegen die Freiheit des Geistes, Bonn 2009.
  • Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Bücher, Köln 2008.
  • Christian Graf von Krockow: Scheiterhaufen: Größe und Elend des deutschen Geistes, Berlin 1983.