Verdammte dieser Erde – Teil 2: Die Roma, genannt: Zigeuner

von Mirko Gründer

Sie sind die Ausgestoßenen der Welt: Seit 500 Jahren werden die Roma verleumdet, gedemütigt, verjagt und in Armut und Kriminalität gedrängt. Die finsterste Zeit kam für sie mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Doch auch im heutigen Europa werden sie noch systematisch diskriminiert.

Selbst das romantisierte Zigeunerbild des 19. Jahrhunderts konnte die Schattenseiten des Daseins der Roma nicht verheimlichen.

Selbst das romantisierte Zigeunerbild des 19. Jahrhunderts konnte die Schattenseiten des Daseins der Roma nicht verheimlichen: Armut und Gewalttätigkeit bedrohten ihre Existenz fortwährend.

(Bildnachweis: Gemälde von György Vastag (1886), Public Domain, via Wikimedia Commons)

Dieses Volk ist ein Rätsel. Schon sein Ursprung liegt im Dunkeln. In alten Chroniken sind sie nur schwer greifbar, denn schon damals scheint kaum jemand gewusst zu haben, wer diese Menschen sind. In einer Zeit, in der die Herkunft die Identität bestimmte, waren die heimatlosen Flüchtlinge Objekte von Verdacht und Furcht. Man nannte sie „Ägypter“ und „Böhmen“ nach dem Ort, von dem sie scheinbar gekommen waren, „Heiden“ oder „Fahrendes Volk“ nach ihrer Lebensweise. Die im Deutschen geläufigste Bezeichnung ist jedoch „Zigeuner“ – ein Begriff, dessen Ursprung fast so unklar ist wie der des Volkes, das er bezeichnet.

Aktuell:

Seit Jahren steigt der Zuzug von Roma aus Südosteuropa nach Deutschland. Die Armuts-Flüchtlinge werden hier oft gnadenlos ausgebeutet.

Sie selbst nannten und nennen sich Roma. Ihre Sprache weist darauf hin, dass ihre Vorfahren irgendwann um das 6. Jahrhundert aus Nordindien ausgewandert sind. Wohl im 13. Jahrhundert erreichten sie das oströmische Reich und die Balkanländer. In Mitteleuropa sind sie im frühen 15. Jahrhundert erstmals greifbar, als norddeutsche Stadtchroniken mit Schaudern von durchziehenden „Tataren“ berichten, die als Gaukler auf den Marktplätzen auftraten. Auch in Italien, Frankreich und Spanien sind sie in den 1420er Jahren nachzuweisen.

Die mittelalterlichen Texte schildern sie als fremdartiges Volk mit dunkler Haut, exotischer Kleidung und unbekannter Sprache. Schnell setzte sich eine negative Bewertung der fremden Nomaden durch. So heißt es beim Chronisten Sebastian Münster 1550, sie seien ein „schwarzes, wüstes und unflätiges Volk, das besonders gern stiehlt, lebt wie ein Hund und keine Religion hat, obwohl es seine Kinder unter Christen taufen lässt“. Damit war der Ton für den Umgang mit ihnen gesetzt, der sich bis in die heutige Zeit nur in Nuancen geändert hat. Mehr als 300 Jahre nach Münsters Chronik heißt es 1888 in „Meyers Konversations-Lexikon“, die „Zigeuner“ seien: „leichtsinnig, treulos, furchtsam, der Gewalt gegenüber kriechend, dabei rachsüchtig, im höchsten Grade zynisch und da, wo sie glauben es wagen zu können, anmaßend und unverschämt. Alle sind dem Betteln ergeben, gestohlen wird besonders von Weibern und Kindern.“

Die Ausgestoßenen der Welt

Schon in den frühesten Berichten über „Zigeuner“ stoßen diese häufig auf heftige Ablehnung. 1418 verweigerte die Stadt Basel einer Gruppe den Zutritt, die Bürger von Meiningen jagten 1435 eine andere Gruppe davon. 1496 beschloss ein Reichstag erstmals, dass die „Zigeuner“ aus den „Landen teutscher Nation“ entfernt werden sollen und erklärte sie für vogelfrei. Offenbar befürchtete die Obrigkeit, die exotischen Fremdlinge würden für die Türken spionieren. Ähnlich verfuhren andere Herrscher: 1539 wurden die Roma aus Paris vertrieben, 1563 sogar aus ganz England ausgewiesen.

Im 17. Jahrhundert entspannte sich die Lage für die Roma in Mitteleuropa etwas, was wohl am Zustand der Region im und nach dem 30jährigen Krieg lag. Viele schlossen sich Söldnertruppen an, deren Handwerk und Lebensweise der traditionellen Kultur der Roma gut entsprach. Nicht wenige Roma kamen so zu Ansehen und Wohlstand. Als jedoch im 18. Jahrhundert der moderne Nationalstaat mit seinen stehenden Heeren, Steuer- und Polizeibehörden entstand, begann eine Zeit systematischer Ausgrenzung. So gut die Roma zuvor in die Zeit der Söldnerkriege gepasst hatten, so wenig kompatibel waren sie mit dem absolutistischen Kontrollstaat, in dem jeder Mensch und jedes Ding ihre fest zugewiesenen Plätze hatten. Die „Zigeuner“ wurden die Parias der Moderne.

Niemand wollte sie mehr. Wurden Ausweisungen missachtet, drohten drakonische Strafen. Schon das Gesetz war hart, die Praxis vielfach noch gnadenloser: Ganze Zigeunerfamilien wurde gebrandmarkt oder aufgehängt, ihre Kinder der Obhut deutscher Familien übergeben. Ziel war ihre vollständige Vertreibung aus dem deutschen Reich.

Der Polizeistaat bekämpft die „Zigeunerplage“

Erneut entspannte sich die Lage etwas im Nachklang der napoleonischen Ära. Diesmal war es jedoch weniger die kriegerische Betätigung, die den Roma Freiräume verschaffte. Vielmehr war es der Einzug geordneter bürgerlicher Rechtsverhältnisse, der ihnen nie gekannte Rechte verschaffte. Plötzlich standen ihnen völlig neue Möglichkeiten offen, denn keine Zünfte und andere Standesvereinigungen versperrten ihnen mehr den Zugang zu „ordentlichen“ Berufen. Die neuen Rahmenbedingungen führten dazu, dass viele Roma nun ganz sesshaft wurden und sich völlig in die Mehrheitsgesellschaft assimilierten.

Zigeuner-Sammellager im Norden Berlins im Jahr 1926. Die administrativen Maßnahmen seit 1870 trieben die Roma immer mehr in Armut und Illegalität.

Zigeuner-Sammellager im Norden Berlins im Jahr 1926. Die administrativen Maßnahmen seit 1870 trieben die Roma immer mehr in Armut und Illegalität.

(Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 183-1992-0918-505/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnende Zustrom südosteuropäischer Roma sorgte jedoch dafür, dass Mittel- und Westeuropa die „Zigeunerplage“, wie es nun genannt wurde, wiederentdeckten. 1870 wandte sich Bismarck an die Länder Preußen, Bayern und Sachsen mit der Aufforderung, Neuzuwanderung „ausländischer Zigeuner“ zu verhindern und bei denjenigen Roma, die eine deutsche Staatsangehörigkeit besäßen, dafür zu sorgen, dass sie sich „einer sesshaften Lebensweise“ zuwenden. In den folgenden Jahren wurden die nomadisierenden „inländischen Zigeuner“, die überwiegend den Sinti angehörten, durch einschränkende Verordnungen nach und nach in die Illegalität gedrängt.

1899 wurde in München eine zentrale Polizeidienststelle zur „Zigeunerbekämpfung“ eingerichtet, und man begann mit der lückenlosen erkennungsdienstlichen Erfassung aller „Zigeuner“ im Reichsgebiet. Alle „nichtsesshaften Zigeuner und nach Zigeunerart umherziehende Personen“ wurden im Rahmen einer „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ flächendeckend als potenzielle Verbrecher behandelt und ab 1927 so registriert, wie es sonst nur bei steckbrieflich gesuchten Personen üblich war. Bis 1926 wurden so 14.000 Akten mit Fotos, Fingerabdrücken und biografischen Daten angelegt. Selbst kleine Kinder wurden auf diese Weise erfasst.

Die Zustimmung zu diesen Maßnahmen in der deutschen Bevölkerung war breit. Mit Ausnahme der KPD waren alle Parteien in Kaiserreich und Weimarer Republik gegen das „Zigeunerunwesen“ vereint. Immer wieder bildeten sich über die politischen Maßnahmen hinaus Bürgerinitiativen, die das Recht in die eigene Hand zu nehmen gedachten. Gegen Ende der 20er Jahre wurden in vielen Großstädten „Zigeunersammelplätze“ eingerichtet, um der „allgemeinen Unsicherheit und Verunstaltung des Straßenbilds“ zu begegnen. Die ersten Konzentrationslager für Roma waren geboren – noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Die nationalsozialistische „Regelung der Zigeunerfrage“

In der Regel bezog sich bis in die 20er Jahre der Begriff „Zigeuner“ im öffentlichen Bewusstsein und in der Rechtspraxis auf Menschen mit nomadischer Lebensweise: Schausteller, Artisten und anderes fahrendes Volk. Erst nach und nach wurde er nach dem Ersten Weltkrieg mit einer ethnischen Komponente aufgeladen. Die nationalsozialistische Pseudo-Wissenschaft der „Rassenhygiene“ begann nach der Machtergreifung Hitlers 1933 mit einer Systematisierung: sie unterschied einerseits in „Vollzigeuner“ und „Zigeunermischlinge“ nach der ethnischen Zugehörigkeit zu den Roma sowie in „deutschblütige Asoziale“ andererseits. Ab 1936 wurde in der „Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle“ auf dieser Grundlage mit einer Bestandsaufnahme der „Zigeunersippen“ begonnen. Der Leiter der Forschungsstelle Robert Ritter warnte insbesondere vor den „Zigeunermischlingen“, da die Gefahr weiterer „Blutvermischung“ bestehe, und empfahl Arbeitslager und Zwangssterilisierung.

Ende 1938 ordnete Heinrich Himmler die „Regelung der Zigeunerfrage“ an. Sie enthielt zunächst vor allem die Absonderung der „Zigeuner“ vom Rest der Bevölkerung durch spezielle Ausweise, in vielen Fälle auch durch die Unterbringung in bewachten Lagern. Nach der Besetzung Polens folgte im Mai 1940 der nächste Schritt: Überall in Deutschland wurden die „Zigeuner“ von der Polizei zusammengetrieben und in großen Transporten nach Ostpolen geschafft, wo man sie zum Teil sich selbst überließ, zum Teil in Arbeitslager steckte. Forscher gehen davon aus, dass nur die Hälfte der Deportierten die Tortur überlebten.

Deportation von "Zigeunern" aus Asperg bei Stuttgart im Mai 1940.

Deportation von „Zigeunern“ aus Asperg bei Stuttgart im Mai 1940. Im Rahmen einer reichsweiten Aktion wurden Tausende „Zigeuner“ aus dem Reich entfernt und nach Ost-Polen deportiert.

(Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild R 165 Bild-244-52/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Anfang 1943 begann die systematische „Einweisung“ der Roma „ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz“. Ihr Eigentum fiel an das Reich, und sie wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt. Viele starben aufgrund der Bedingungen. Ab Mai 1944 begann die Lagerleitung, die verbliebenen Insassen zu ermorden. Insgesamt starben allein in Auschwitz ca. 10.500 von den Nazis als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischlinge“ eingestufte Menschen.

Die Roma bezeichnen den Genozid an ihrem Volk als „Porajmos“ – „das Verschlingen“. Die Gesamtzahl der Opfer des Völkermord an den Roma in Deutschland und den besetzten Gebieten ist Gegenstand heftiger Debatten. Schätzungen schwanken zwischen 94.000 und 500.000 Toten.

Ein Mahnmal 77 Jahre nach Kriegsende

Anders als der Holocaust erhielt der Völkermord an den Roma in der Nachkriegszeit wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Nur wenige Strafverfahren gegen Verantwortliche des Genozids führten zu Verurteilungen. Erst 1982 erkannte die Bundesregierung die Verbrechen an den Roma als Völkermord an. 1992 beschloss der Bundestag die Errichtung eines Mahnmals, das schließlich im Oktober 2012 in Berlin eingeweiht wurde.

Auch die allgemeine Stimmung gegenüber der Minderheit besserte sich kaum. Die antiziganistischen Vorurteile blieben bis weit in die 70er Jahre hinein praktisch unverändert, und noch heute sind laut Erhebungen gut zwei Drittel der Deutschen antiziganistisch eingestellt. Besonders hart ist die Lage der Roma-Minderheiten in Südosteuropa, wo sie auch heute noch am Rande der Gesellschaft leben und vielfach spürbare Nachteile im Zugang zu Bildung, Arbeit und sozialen Diensten erfahren, ja wiederholt sogar offenen Gewaltausbrüchen aus der Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt sind.

 

Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

Literaturtipps:

  • Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner – Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Berlin 2011.
  • Katrin Reemtsma: Sinti und Roma – Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996.