Vom Wert der Vita contemplativa

von Fiona Allerding

Vor 74 Jahren meinte der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, wir würden uns selbst ein Gefängnis bauen, „wenn wir nur für Geld und Gewinn arbeiten“. Arbeit und Muße und das Verhältnis, das der Mensch zu diesen beiden Zuständen des Daseins als Ausdruck von Freiheit und Unfreiheit hat – ein Thema, das vermutlich so alt ist wie die Begriffe selbst.

Arbeiter im Jahr 1956 im Mercedeswerk Sindelfingen am Fließband: Von Anbeginn der Menschheit dient die Arbeit dem Überleben.

Arbeiter im Jahr 1956 im Mercedeswerk Sindelfingen am Fließband: Von Anbeginn der Menschheit dient die Arbeit dem Überleben.

(Bildnachweis: Rolf Unterberg, Bundesarchiv, Bild B 145 Bild-F003562-0006/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Die Konzepte „Arbeit“ und „Muße“ sind uralt. Schon die alten Griechen philosophierten hochgeistig über diese menschlichen Befindlichkeiten. Der begriffliche Ursprung scheint also weit vor den Höhlen der Neandertaler zu liegen.

Stellen wir es uns bildlich vor: Die Höhlenfrau steht vor dem ausgebrannten Feuer, die Knochen des Mammuts sind restlos abgenagt und die Höhlenkinder quengeln, weil ihnen der Magen knurrt. Bei so viel ungezügelter Energie des Überlebenswillens wird sich der Höhlenmann wohl kaum weiter auf seinem Bärenfell müßiggängerisch entspannt haben können. Davon einmal abgesehen, dass ihm auch sein eigener leerer Magen in absehbarer Zeit einen gewissen Handlungsbedarf nahe legte, wird ihm seine Höhlenfrau sicherlich Beine gemacht haben. So weit, so gut: Dem Tagewerk zwecks Durchführung lebenserhaltender Maßnahmen den Namen „Arbeit“ zu geben, könnte so oder ähnlich ausgesehen haben.

Der „Müßiggänger“ als Schmarotzer?

Was aber genau ist nun „Muße“? Friedrich Nietzsche beschrieb diesen Zustand einmal als „seltene Stunden erlaubter Redlichkeit“, in denen sich der Europäer – ganz nach dem amerikanischen Vorbild des kapitalistischen „Time-is-money-Zeitdiktats“ – für einen erschöpften Augenblick kraftlos in seinen eigenen vier Wänden regeneriert, um danach erfrischt und umso energischer wieder der Arbeit nachgehen zu können.

Könnte der Höhlenmensch diese Unterscheidung ebenso gemeint und empfunden haben? Ging nicht vielmehr in dem Moment, als das erlegte Mammut zur Höhle getragen wurde, die Arbeit erst richtig los? Wir sollten Herrn und Frau Neandertaler einmal danach fragen.

Schauen wir uns die Höhlenmalereien der Chauvet-Höhle im Flusstal der südfranzösischen Ardèche an. Hier finden wir eine Vielzahl an Darstellungen von Tieren und Initiationsriten – ein kulturhistorisch unschätzbar wertvolles Zeugnis frühen künstlerischen Schaffens.

Gab sich unser Höhlenmann allabendlich am Höhlenfeuer nur der Schilderung und malerischen Umsetzung seiner erlebten Jagdabenteuer hin und verspeiste dabei huldvoll die von seiner Höhlenfrau mühsam zubereiteten Speisen? Oder teilten sich beide das ungleich langwierigere Tagewerk der Nahrungsmittelverarbeitung und -konservierung, um danach gemeinsam ihre Höhle künstlerisch zu veredeln? Mit Bestimmtheit können wir dies nicht sagen. Wohl aber lässt sich feststellen, dass von allen Mühen des Überlebenskampfes dieser südfranzösischen Höhlengemeinschaft nur eines die Zeit überdauert hat: die Gemälde, das Produkt der Mußestunden.

Wie war das damals: Haben die Höhlenbewohner, die fleißig das Überlebensnotwendige erledigten, ihren Höhlenkünstler maulend und zeternd dazu angehalten, endlich auch mal „gewinnbringend“ zu arbeiten? Wurde seine Faulheit vielleicht sogar geahndet? Gab es für ihn zur Strafe vielleicht nur abgenagte Knochen? Wurde das Klischee von der brotlosen Kunst schon hier geboren?

Der faule Philosoph?

Schreiten wir fort zum alten Griechenland des Philosophen Sokrates. Sokrates! Dieser Name hat eine ähnliche Wirkung wie die südfranzösische Höhlenmalerei. Beide stehen für kulturhistorische Meilensteine des menschlichen Selbstverständnisses. Was hat der Sokrates alles der Welt hinterlassen! Ja… was eigentlich?

Genaugenommen hat er gar nichts hinterlassen. Gedacht hat er. Viel gedacht. Und alles seinen Schülern mitgeteilt. Und der fleißigste seiner Schüler, Platon, hat alles in „sokratischen Dialogen“ festgehalten. Spötter und Mußekritiker könnten jetzt behaupten, Sokrates selbst sei dafür zu faul gewesen. Auf die Spitze getrieben könnten sie ihm sogar den Umstand, seine Fluchtgelegenheit verschmäht und lieber den Schierlingsbecher getrunken zu haben, als Faulheit auslegen… Wie auch immer: Ruhm für die Nachwelt brachte es ihm auf jeden Fall ein. Ja, vielleicht wären Platons Bemühungen, Sokrates‘ Gedanken der Welt zu überliefern, ohne dessen melodramatischen Abgang weit weniger bedeutsam für die Historie geblieben?

Klar ist jedenfalls eines: Viel ehrverletzender als diese, Berühmtheit begründende unfreiwilligen Freitod, ist der Tod der Ehre von Xanthippe! Mit dem Namen der Ehefrau des Sokrates geht noch gut 2400 Jahre nach ihrem Ableben der Ruf eines zänkischen Weibes einher. Heute „Xanthippe“ genannt zu werden, kommt immer noch einer Beleidigung gleich.

Zu gerne würde man Xanthippe einmal zu Wort kommen lassen. Was sie wohl zu sagen hätte über einen Mann, der ausschließlich „müßig“-ging? Verhungert und verkommen wären Frau Sokrates und ihre drei Söhne, hätte sie, Xanthippe, ihrem „Höhlenmann“ Sokrates auf seinem Stubenbärenfell nicht gehörig Beine gemacht und ihn zum Reden und Sinnieren aus dem Haus gejagt. Wäre er ohne Xanthippe so berühmt geworden? Nun gut, der Schierlingsbecher wäre ihm vielleicht erspart geblieben. Aber was wäre ein um zehn oder zwanzig Jahre längeres Leben gegen die Unsterblichkeit im Gedächtnis der Menschheit?

Braucht die Arbeit die Muße?

Damit sind wir wieder bei unserem Ausgangspunkt, der Frage nach dem Verhältnis von gewinnbringender Arbeit und Muße. Aber wie genau lassen sich beide überhaupt voneinander trennen? Könnte es sein, dass es beides braucht, um das Leben voran zu bringen? Arbeit und Muße?
Der Schriftsteller Manfred Hausmann bemerkte einmal treffend: „Ohne Faulheit kein Fortschritt! Weil der Mensch zu faul war, zu rudern, erfand er das Dampfschiff. Weil er zu faul war zu Fuß zu gehen, erfand er das Auto. Weil er zu faul war, abends die Augen zu zumachen, erfand er das Fernsehen.“

Bundeskanzler Konrad Adenauer 1958 beim Bocciaspiel: Braucht die Arbeit die Muße als Antrieb und Inspiration?

Bundeskanzler Konrad Adenauer 1958 beim Bocciaspiel: Braucht die Arbeit die Muße als Antrieb und Inspiration?

(Bildnachweis: Rolf Unterberg, Bundesarchiv, Bild B 145 Bild-F005916-0009/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Der preußisch auf Gehorsam gedrillte deutsche Erfinder Rudolf Diesel machte den Umstand des Gefangenseins in der Arbeit mit seinem vom deutschen Lebensgefühl, der Pflichterfüllung, geprägten Ausspruch sichtbar: „Von hundert Genies gehen 99 unentdeckt zu Grunde.“ Spätestens hier wird die Tiefe des Begriffes Muße deutlich. Was für die einen faule Tatenlosigkeit ist, wird von den anderen als passiver Gegenbegriff des Tuns, als aktives Denken, verstanden.

Schopenhauer definierte Muße aus diesem Grunde heraus als „vita contemplativa“, als „denkendes Leben“. Es ist ein Zustand, der eine Erlebniswelt eröffnet, die sich in der Vorstellung ereignet. Wie geht diese Lebensqualität aus der Zufriedenheit des Geistes nun mit der Entäußerung und Entfremdung der Arbeit nach Marx zusammen? Wie kann sich der Geist eines Fabrikarbeiters frei entfalten, wenn er einer ungeliebten Tätigkeit, die zur Zwangsarbeit mutiert, nachkommen muss? Einer Arbeit, die „nicht zu seinem Wesen gehört“, sondern „seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert“? Wenn die Arbeit zum Mittel für die Befriedigung der Bedürfnisse degeneriert? Kann der ruinierte Geist dann noch die Räume der „vita contemplativa“ genießen? Befinden sich in dieser Gruppe von Menschen die 99 Prozent, von denen Rudolf Diesel sprach? Sitzen diese Genies in den Gefängnissen ihres Gelderwerbs?

So könnte es wohl sein, denn: Manchmal muss man erstmal „Löcher in die Luft starren“, damit man die Begrenzung des eigenen Horizontes durchbricht. Nur so fallen sowohl innere als auch äußere Gefängnismauern.

 

Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

Literaturtipps:

  • Friedrich Nietzsche: Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile, Chemnitz 1881.
  • Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, Stuttgart 1960.
  • Ulrich Schnabel: Muße. Vom Glück des Nichtstuns, München 2010.