Wem gehört das Weltkulturerbe?

Als die Büste der Nofretete in Ägypten gefunden wurde, konnte wohl niemand ahnen, dass sich noch 100 Jahre später Regierungen um sie streiten würden. Und sie ist nicht das einzige umkämpfte Kunstwerk in den Museen dieser Welt.

Die vor 100 Jahren entdeckte Büste der Nofretete ist nur einer von vielen umkämpften Kunstschätzen rund um den Globus. Die vor 100 Jahren entdeckte Büste der Nofretete ist nur einer von vielen umkämpften Kunstschätzen rund um den Globus.
(Bildnachweis: Jesús Gorriti, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Erst zum Ausklang des 19. Jahrhundert erwachte das Interesse des deutschen Kaiserreichs an der Geschichte und den Hinterlassenschaften des Nahen Ostens. Kaiser Wilhelm II. war entschlossen, Deutschland zur Weltmacht zu machen. Dafür musste auch der wissenschaftliche und museale Vorsprung von Frankreich und Großbritannien verringert werden. Das Reich sollte durch archäologische Erfolge und die Präsentation spektakulärer Schätze und Kulturgüter in Berlin an Prestige gewinnen.

Am 6. Dezember 1912 entdeckten deutsche Ausgräber ein Tell el-Amarna die Büste der Königin Nofretete, eines der berühmtesten Kunstwerke des Altertums.

1902 begann Ludwig Borchardt im Auftrag der frisch gegründeten Deutschen Orient-Gesellschaft in Ägypten zu graben, dem Land, das so reich an uralten Kulturschätzen war. Bald konzentrierte er seine Arbeit auf Tell el-Amarna, der kurzlebigen Hauptstadt des Pharao Echnaton. Dort stieß er 1912 auf die Überreste einer Bildhauerwerkstatt, in der sich unter mehr als zweitausend Jahre altem Schutt die Büste von Echnatons Hauptfrau Nofretete erhalten hatte. Borchardt war fasziniert: „Wir hatten das lebensvollste ägyptische Kunstwerk in Händen. Es war fast vollständig, nur die Ohren waren bestoßen und im linken Auge fehlte die Einlage.“

Wie kommt die Nofretete nach Berlin?

Kaiser Wilhelm II. war nicht nur an archäologischer Forschung interessiert – er wollte mit den Funden auch prahlen können. Zu diesem Zweck sollten auch im Deutschen Reich Museen vom Rang des Pariser Louvre oder des British Museum entstehen. Dafür brauchte er einzigartige und aufsehenerregende Objekte, die das Reich nur auf drei Wegen erlangen konnte: selbst ausgraben, geschenkt erhalten – oder stehlen.

Als die Nofretete gefunden wurde, galt im britisch besetzten Ägypten das Recht der Fundteilung: Archäologische Funde wurden gleichmäßig zwischen Ägypten und dem Ausgräber geteilt. Der ägyptische Antikendienst entschied sich unter Borchardts Funden gegen die Nofretete-Büste. So gehörte sie dem jüdischen Unternehmer James Simon, der die Ausgrabungen finanziert hatte. Dieser schenkte sie 1920 dem Freistaat Preußen.

Seit Jahrzehnten Rückgabegesuche

Bereits nach der ersten Ausstellung in Berlin 1924 forderte Ägypten das einzigartige Kunstwerk zurück. Als Begründung gab die Regierung in Kairo nicht eine ungerechte Fundverteilung an, sondern „moralische“ Gründe. Sogar James Simon unterstützte das Gesuch, doch das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung stoppte 1930 unter dem Druck der öffentlichen Meinung den Transfer. Adolf Hitler verlieh dieser Stimmung drei Jahre später deutlichen Ausdruck: „Ich werde den Kopf der Königin niemals aufgeben. Es ist ein Meisterwerk, ein Juwel, ein wahrer Schatz.“

Die Wirren um die berühmte Skulptur begannen damit jedoch erst. Seit 1939 war sie auf Wanderschaft, um vor den Kriegswirren sicher zu sein. Bei Kriegsende fand sie sich in der Obhut der US-Armee wieder. Prompt forderten Vertretern der östlichen Besatzungszone ihre Rückführung zur Museumsinsel im Ostteil Berlins. Doch die Amerikaner selbst wollten den wertvollen Fund zunächst selbst übernehmen. 1946 konnte ihre Ausfuhr in die Vereinigten Staaten verhindert werden. Erst 1956 fand sie nach Berlin zurück – allerdings nicht auf die Museumsinsel, sondern in den Westteil der geteilten Stadt.

Besonders medienwirksam wurde seit dem Antritt von Zahi Hawass 2001 als Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung um die „bunte Büste“ gerungen. Nun ging es meistens um Ausleihwünsche von ägyptischer Seite. Erst 2009 forderte Hawass verstärkt auch eine Rückgabe. Er gab neben moralischen Aspekten auch eine illegale Ausfuhr als Grund an: „Wenn sie Ägypten illegal verlassen hat, wovon ich überzeugt bin, werde ich sie von Deutschland offiziell zurückfordern.“ Von deutscher Seite wird sowohl eine Rückgabe als auch eine Ausleihe kategorisch abgelehnt. Als Grund werden sie Gefahren eines Transports der unersetzlichen Büste angeführt.

Nofretete ist überall

Die Büste der Nofretete ist nur eines von unzähligen Beispielen von Kulturgütern, die nicht mehr in ihrem Ursprungsland zu sehen sind. Sie sind versammelt in den berühmten Museen der westlichen Welt: dem Louvre, dem British Museum, der Eremitage, dem Pergamon-Museum. Viele von ihnen sind wohl nach jeweils geltenden Recht oder als Geschenke in die Länder der westlichen Welt gelangt – seltener durch Diebstahl. Die Kolonial- und Hegemonialmächte des 19. und 20. Jahrhunderts besaßen viele Wege, das zu bekommen, was sie wollten.

1820 schafften französische Diplomaten die berühmte "Venus von Milo" unter abenteuerlichen Bedingungen aus dem Osmanischen Reich. Sie steht heute im Louvre in Paris. 1820 schafften französische Diplomaten die berühmte „Venus von Milo“ unter abenteuerlichen Bedingungen aus dem Osmanischen Reich. Sie steht heute im Louvre in Paris.
(Bildnachweis: Ricardo André Frantz, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Oft passen in Fällen wie der Nofretete-Büste, dem Ishtar-Tor aus Babylon im Irak oder dem Pergamon-Altar aus Anatolien heutige und damalige Rechts- und Moralvorstellungen nicht mal mehr annähernd übereinander. Entsprechend gewunden werden die Argumente: So kann man etwa beobachten, dass von Medien und Politik die Sicherheit der Kulturgüter in ihren Herkunftsländern im Nahen Osten pauschal in Frage gestellt wird. Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage mag dies plausibel erscheinen. Kritiker weisen auch auf die im Jahr 2001 von den Taliban zerstörten antiken Buddhastatuen hin, um die unsichere Lage von Kulturgütern in islamischen Ländern zu belegen. Dabei wird in den westlichen Ländern gern vergessen, dass auch hier vor nur wenigen Jahrzehnten noch Zustände herrschten, in denen Kulturgüter gestohlen, beschädigt oder sogar bewusst vernichtet wurden. Der Pergamon-Altar etwa, das Herzstück des eindrucksvollen Pergamon-Museum auf der Berliner Museumsinsel, wäre in den zurückliegenden 80 Jahren an seinem ursprünglichen Standort im westlichen Anatolien wesentlich weniger Gefahren ausgesetzt gewesen als im kriegs- und krisengeschüttelten Berlin.

Dass Ägypten und jedes andere Land der Welt ein Anrecht auf ihr jeweils eigenes historisches und materielles Erbe haben, wagt niemand zu bestreiten. Doch genau betrachtet ist das Tauziehen um die bedeutenden Kunstschätze kaum mehr als ein Feilschen unter Geschäftsleuten. Denn neben ihrer kulturhistorischen Bedeutung haben all die umstrittenen Gegenstände stets einen enormen ökonomischen Wert – in Form von Medienaufmerksamkeit und den Millionen Museumsbesuchern, die die Kassen klingeln lassen. Das Neue Museum in Berlin – die neue Heimat der Nofretete nach der Wiedervereinigung – war jedenfalls im Jahr seiner Wiedereröffnung das meistbesuchte Museum der Bundeshauptstadt.

Lesetipps zum Thema

Webtipps:
Literaturtipps:
  • Charlotte Trümpler (Hrsg.): Das Große Spiel – Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus (1860-1940), Köln 2008.
  • Bénédicte Savoy (Hrsg.): Nofretete – Eine deutsch-französische Affäre 1912-1931, Köln/Weimar/Wien 2011.