Die letzten Kaiser – Teil 1: Karl I. von Österreich-Ungarn

1. April 1922 → Auf Madeira starb vor 90 Jahren Karl I., letzter Kaiser von Österreich und König von Ungarn und Böhmen. 1916 bestieg er mitten im Ersten Weltkrieg den Thron und musste ihn schon zwei Jahre später wieder räumen. Mit ihm endete die 640jährige Herrschaft der Habsburger im Zentrum Europas.

Karl I., letzter Kaiser von Österreich und König von Ungarn und Böhmen

Karl I., letzter Kaiser von Österreich und König von Ungarn und Böhmen
(Bildnachweis: Unbekannter Künstler, via Wikimedia Commons)

Jedermann kennt heute noch Kaiser Franz Josef, und sei es auch nur aus den Sissi-Filmen. 68 Jahre hielt er den zerrissenen Vielvölkerstaat zusammen, vom Revolutionsjahr 1848 bis zur Mitte des Ersten Weltkrieges. Doch das Reich war ein fragiles Konstrukt. Die Demokraten zwangen dem Herrscher mehr und mehr Zugeständnisse ab. Tschechen und Balkanvölker drängten zur Unabhängigkeit. Die aufstrebenden Preußen entrissen den Habsburgern die Vormachtstellung in Deutschland. Und die Russen machten ihnen die Herrschaft über Südosteuropa streitig.

Habsburgs Reich war aber noch gewaltig, als Karl am 17. August 1887 geboren wurde. Der Großneffe des Kaisers genoss eine unbeschwerte Kindheit auf dem Schloss seiner Eltern bei Ybbs an der Donau. Die Krone war damals noch fern. Er besuchte – ungewöhnlich für ein Mitglied des Herrscherhauses – das Wiener Schottengymnasium und genoss dann die einem Erzherzog ziemende militärische Ausbildung als Kavallerieoffizier. Doch dem alten Kaiser starben die Erben weg, und als 1906 Karls Vater das Zeitliche segnete, sah der 19jährige sich unvermittelt an zweiter Stelle in der Erbfolge.

Kaiser auf wackelndem Thron

Er verbrachte nun mehr Zeit in Wien und in der Nähe des Kaisers. Besonders sein Onkel Franz Ferdinand, der Thronfolger, bezog ihn enger in die Staatsgeschäfte ein. Als dieser am 28. Juni 1914 in Sarajevo einem Attentat zum Opfer fiel, war dies nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes der Startschuss für den Ersten Weltkrieg. Karl rückte nun auch endgültig ins Zentrum der Macht.

Doch seine Welt stürzte nun immer schneller ins Chaos. Der Kaiser betraute ihn mit wichtigen Aufgaben im Oberkommando der Mittelmächte. Er besuchte die Truppen an der Front und erhielt Kommandos in Italien und Rumänien. In Wien war er selten in jenen Monaten, und an den politischen Entscheidungen des greisen Kaisers hatte er keinen Anteil. Ohnehin war der Handlungsspielraum der Habsburger begrenzt. Den Takt gab längst der ungeliebte Verbündete aus Berlin vor.

Am 21. November 1916 starb Kaiser Franz Josef 86jährig auf Schloss Schönbrunn. Karl war der neue Herrscher der Donaumonarchie. Zum Feiern dürfte ihm kaum zumute gewesen sein angesichts der Herausforderungen, die sich ihm stellten. Der Krieg war an allen Fronten bestenfalls festgefahren, die Schlachten von Verdun und an der der Somme hatten erhebliche Opfer gefordert. Das Reich stand vor der Zerreißprobe. Rumänien hatte sich bereits den Alliierten angeschlossen, während die Tschechen in London eine Exilregierung gründeten.

Frieden um jeden Preis?

Karl wusste, dass seine Dynastie am Abgrund stand. Er war unzulänglich vorbereitet auf seine Aufgaben. Freundlich und zurückhaltend von Natur, blieben seine Maßnahmen überstürzt und schlecht beraten.  Die wichtigste war die Beendigung des zerstörerischen Krieges. Dafür galt es zunächst, den Deutschen um Kaiser Wilhelm II. die Initiative zu entringen. Bislang waren die österreichisch-ungarischen Verbände vom deutschen Oberkommando befehligt worden. Nun übernahm Karl selbst die Kontrolle über die eigenen Truppen und besetzte wichtige Schlüsselpositionen neu.

Die Alliierten setzten ihrerseits Hoffnungen in den Herrscherwechsel. Über einen Bruder der Kaiserin Zita nahm Karl Geheimverhandlungen auf. Er signalisierte in einem Schreiben an den französischen Präsidenten Poincaré unter anderem, dass er bereit sei, „die gerechten Rückforderungsansprüche Frankreichs mit Bezug auf Elsaß-Lothringen“ zu unterstützen. Die Verhandlungen scheiterten erst, als klar wurde, dass die Italiener Anspruch auf Südtirol erhoben. Ein Preis, den Karl nicht zu zahlen bereit war.

Ohnehin wurde Karl schnell klar, dass seine Friedensinitiative an Wilhelm II. scheitern musste. Der deutsche Kaiser glaubte unerschütterlich an den Sieg. Unterdessen waren durch den Friedensschluss mit Russland und Rumänien an der Ostfront Kräfte frei geworden, die in Italien und Frankreich eingesetzt werden konnten. Der Krieg erreichte seinen Höhepunkt, als die Vereinigten Staaten eintraten. Der Zusammenbruch war absehbar. Im Januar 1918 skizzierte der amerikanische Präsident Wilson seine Vorstellungen von einem Frieden: Österreich würde Rumänien, Serbien und Montenegro räumen müssen, sowie einen unabhängigen polnischen Staat und die italienischen Forderungen akzeptieren müssen. Hinzu kamen die Forderungen der tschechischen Exilregierung nach Unabhängigkeit.

Das Ende Österreich-Ungarns nach den Pariser Verträgen 1920

Das Ende Österreich-Ungarns nach den Pariser Verträgen 1920
(Bildnachweis: AlphaCentauri, via Wikimedia Commons)

Karl zerbröselte sein Reich unter den Händen. Seine Truppen meuterten bereits. Im April kam es zu allem Überfluss auch noch zum Konflikt mit dem deutschen Bündnispartner. Frankreich hatte Karls Brief vom Vorjahr veröffentlicht, in dem er die französischen Gebietsansprüche an Deutschland anerkannte. Ungeschickt versuchte der junge Kaiser, den Brief Wilhelm II. gegenüber als französische Fälschung darzustellen. Zwischen den Fronten gefangen verspielte er so das letzte Vertrauen – auf beiden Seiten.

Das Ende der Monarchie

Im Juni erkannten Großbritannien und Frankreich die Tschechoslowakei als unabhängigen Staat an. Serben, Kroaten und Slowenen bildeten Nationalräte. Karl versuchte panisch, zu retten, was zu retten war. Sein Vorschlag zur Umwandlung des Reiches in einen Staatenbund kam zu spät und war zu wenig.

Die Ergeignisse nahmen ihm das Heft des Handelns aus der Hand. Längst handelte er unter dem Druck der politischen Parteien. Im Oktober wurde das Bündnis mit Deutschland aufgelöst und ein Friedensangebot an die Vereinigten Staaten gesandt. Jetzt ging alles sehr schnell: Innerhalb weniger Tage gründeten sich die Tschechoslowakei und das serbisch-kroatisch-slowenische Königreich. Ungarn erklärte sich als unabhängig. Österreich bildete eine neue Regierung, ohne den Kaiser einzubeziehen. Er war faktisch kaltgestellt.

Der öffentliche Rücktritt von den Regierungsgeschäften erfolgte am 10. November: „Das Volk hat durch seine Vertreter die Regierung übernommen. Ich verzichte auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften.“ Damit endete die 640jährige Herrschaft der Habsburger in Österreich. Noch aber lehnte Karl einen formellen Verzicht auf den Thron ab. Um der Internierung zu entgehen, übersiedelte die Familie im März 1019 in die Schweiz.

Doch er hatte noch nicht ganz aufgegeben. Erfüllt vom historischen Gewicht seiner Familiengeschichte versuchte er 1921, die ungarische Krone zurückzugewinnen und so eine Restauration zu beginnen. Sein Versuch, mit Truppen auf Budapest zu marschieren, führte zur endgültigen Trennung Ungarns von seinem Haus. Er wurde festgesetzt, und seine Herrscherrechte vom Parlament für erloschen erklärt.

Die Alliierten beschlossen nun, was mit dem abgesetzten Herrscher geschehen sollte. Am 19. November trafen er und seine Familie in Funchal auf Madeira ein. Nur viereinhalb Monate später starb Karl I., nur 34 Jahre alt, an einer Lungenentzündung.

Nachspiel im Vatikan

Schon früh waren in monarchistisch gesonnenen Bestrebungen im Gange, dem glücklosen letzten Kaiser eine ganz besondere Ehre zuteil werden zu lassen: die Seligsprechung. 1954 wurde das offizielle Verfahren begonnen, das 2004 tatsächlich mit der Seligsprechung Karls durch Papst Johannes Paul II.

Die Zeremonie riss viele alte Gräben wieder auf und führte in Österreich zu hitzigen Diskussionen. Besonders die Teilnahme einer offiziellen Delegation des Parlaments und die Live-Berichterstattung des ORF riefen heftige Kritik hervor.