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Verbrannte Bücher: „alles außer: Emil“ – Erich Kästner

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Verbrannte Bücher: „alles außer: Emil“ – Erich Kästner

von Peter Rischer

„Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner!“ Mit diesem Ausruf wurden Erich Kästners Gedichte und Kinderbücher am 10. Mai 1933 auf den Scheiterhaufen geworfen.

Wegen seiner spitzen Zunge auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten: Erich Kästner.

Wegen seiner spitzen Zunge auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten: Erich Kästner (hier eine Statue des Autors im Garten des Kästner-Museums in Dresden).

Erich Kästner sah sich die zentrale Bücherverbrennung und die Schändung seines Namens und seiner Werke persönlich an. Auf dem Berliner Opernplatz ertrug er die Hetzrede von Propagandaminister Goebbels, dem „psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen“. Und er ertrug das nationalistische Geifern von 70.000 Berlinerinnen und Berlinern.

In den Jahren vor 1933 war Kästner in der Kulturszene Berlins zu einem der produktivsten und bedeutsamsten Protagonisten aufgeblüht. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in Leipzig hatte er sich neben Studium und Promotion zwar als Feuilletonist und Dichter einen gewissen Namen gemacht, die engen und konservativen Verhältnisse dort behinderten ihn jedoch. Nachdem ihn die Neue Leipziger Zeitung wegen seines scheinbar zu anstößigen Gedichts „Nachtgesang des Kammervirtuosen“ 1927 entließ, übersiedelte er in die unbestrittene Kulturhauptstadt des Landes.

Hier konnte er freier atmen und schreiben. Lohn und Brot zu finden, stellte keine große Hürde dar. Freischaffend veröffentlichte er in verschiedenen Zeitungen, darunter der berühmten „Weltbühne“, einem der kritischen und intellektuellen Leuchttürme der Zeit. Und er fand jetzt Gelegenheit, seine gesammelten Gedichte herauszugeben und mit dem Schreiben jener Kinderbücher zu beginnen, die ihm bei seinen Zeitgenossen und der Nachwelt zu großer Prominenz verhelfen sollten.

„Emil und die Detektive“ war bereits kurz nach seinem Erscheinen kanonisch, obwohl literarisch unerhört modern. Autobiografisch gespickt und mit (kindgerecht) naturalistischer Schilderung des Berliner Milieus inszeniert überlisten und überführen darin echte Kinder einen echten Gauner – mit eigener Schläue und Witz, ohne moralisierende Zucht Erwachsener. Das Buch war in Deutschland innerhalb kürzester Zeit aus den Bücherregalen nicht mehr wegzudenken – sogar die nationalsozialistische Hexenjagd „wider den undeutschen Geist“ musste dies einsehen. Auf der Schwarzen Liste der zu vernichtenden Bücher stand folglich zum Autor Erich Kästner: „alles außer: Emil“.

Der Autor als Zielscheibe

Wie geriet nun Erich Kästner ins Fadenkreuz der Nazis? Wie die meisten seiner Generation durchlebte und durchlitt er den harten Drill der Kaiserzeit: Funktionieren und gehorchen statt denken und gestalten. Bei vielen war diese Erziehung erfolgreich, einige wenige hatten dennoch die Möglichkeiten und das Umfeld, zu kritikfähigen Individuen zu reifen. Dem jungen Erich halfen früher Zugang zu Büchern und zum Theater sowie sein sozialdemokratisches Elternhaus dabei.

Jahrgang 1899 – zugleich der Name eines seiner frühen Gedichte – bedeutete auch Krieg, zu dem Kästner 1917 eingezogen wurde. Eine nachhaltig prägende Zeit:

Dann holte man uns zum Militär
bloß so als Kanonenfutter
In der Schule wurden die Bänke leer
zu Hause weinte die Mutter

In „Primaner in Uniform“ wird die Schilderung drastischer, realistischer:

Wir saßen oft im Park am Zaun
Nie wurde mehr gespaßt
Inzwischen fiel der kleine Braun
Und Koßmann wurde vergast.

Antimilitarismus und scharfsinniger Spott auf Obrigkeiten und Hierarchien waren Themen, die die Nationalsozialisten naturgemäß als schändlich und undeutsch auffassten. Kästners Mitwirken in den aufgeklärten und modernistischen Künstler- und Intellektuellenkreisen Berlins und die Freundschaft mit Kommunisten und Juden taten ihr Übriges. Insbesondere seine mehrjährige Publikationstätigkeit in der „Weltbühne“ hatte Gewicht. In der „Weltbühne“ veröffentlichten unter anderem Tucholsky, Ossietzky, Zweig oder Lasker-Schüler. Deren oppositionelle Stimmen fanden zwar – zumindest über diesen Kanal – kaum Gehör in der breiten Bevölkerung, die „Weltbühne“ stellte aber schon seit vielen Jahren einen schmerzhaften Stachel im Fleische der chauvinistischen und nationalistischen Eliten dar.

Auch Kästners Rolle als kritisch-moralische und aufklärerische Instanz als Kinderbuchautor konnte dem neuen Regime nur missfallen. Sein indirekter Zugriff auf die Erziehung der kommenden Generation musste verhindert werden. Der Lesestoff der Jugend sollte aus linientreuer Feder kommen.

Stumme Jahre?

Kästner brachte es nach 1933 im Gegensatz zu den meisten anderen verbrannten Autoren nicht fertig, die Heimat zu verlassen. Er wurde mehrfach verhaftet, verhört und schikaniert. Offen arbeiten konnte er zunächst nicht, die Publikation seiner Werke war untersagt. Aber die Nazis waren sich der Macht der Medien und der Kultur natürlich bewusst. Der deutschen Bevölkerung musste die blutige Zeit des Krieges unter anderem mit leichter, seichter Unterhaltung erträglich gemacht werden. Dazu brauchte das Propagandaministerium Talent, um die Maschinerie am Laufen zu halten. Um solches zu finden, obwohl so viele emigriert waren, ließ Goebbels schließlich auch bei Kästner anklopfen.

Am 10. Mai 1933 wurden deutschlandweit in Universitätsstädten zahlreiche "undeutsche" Bücher verbrannt - hier bei der zentralen Veranstaltung auf dem Berliner Opernplatz.

Am 10. Mai 1933 wurden deutschlandweit in Universitätsstädten zahlreiche „undeutsche“ Bücher verbrannt – hier bei der zentralen Veranstaltung auf dem Berliner Opernplatz.

(Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 102-14597/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Dieser hatte sich seit der Machtergreifung vergleichsweise unauffällig und politisch nicht konfrontativ gezeigt, was ihm wohl ein härteres Schicksal ersparte und ein selbstzensiertes Schreiben ermöglichte. Die zwingende Voraussetzung für legales Publizieren, die Mitgliedschaft im „Reichsverband deutscher Schriftsteller“, wollte Kästner gern erfüllen. Dies ging so weit, dass er im Aufnahmeantrag die Formulierung: „Ich erkläre mich vorbehaltlos bereit, jederzeit für das deutsche Schrifttum im Sinne der nationalen Regierung einzutreten“, unterzeichnete. Jedoch wurde sein Antrag von den Nazis abgelehnt, weitere Versuche und weiteres Appeasement Kästners scheiterten. Bis auf einen kurzen Zeitraum von Juli 1942 bis Januar 1943, in dem er eine mit Auflagen versehene Sondergenehmigung erhielt, blieben ihm nur Publikationen im Ausland sowie die Arbeit unter Pseudonymen. Zudem verschob sich sein Fokus auf die Arbeit für Film und Theater.

Dies verhalf ihm auch zu seinem größten „Coup“ während der Kriegsjahre. Goebbels persönlich setzte sich stark für das sündteure Ufa-Prestigestück „Münchhausen“ ein, das mit enormem personellem und technischem Aufwand vorangetrieben wurde. Und Kästner, in der Filmbranche inzwischen gut vernetzt, durfte unter Pseudonym das Drehbuch schreiben. „Münchhausen“ kam 1943 in die Lichtspielhäuser und wurde einer der erfolgreichsten Filme seiner Zeit. Die Erwähnung des „Berthold Bürger“, so Kästners Alias, wurde trotz der politisch unverfänglichen Handlung des Films so gut wie möglich vermieden. Das geschah möglicherweise auf Adolf Hitlers persönliches Betreiben, der bis kurz vor der Uraufführung „Bürgers“ wahre Identität nicht kannte. Weitere offizielle Arbeiten wurden Kästner bis zum Sturz des Naziregimes nicht mehr erlaubt.

Neue Zeit, alte Wunden

Nach Kriegsende zog Kästner nach München und erlebte sowohl Umbruch als auch Kontinuität, die mit der Teilung Deutschlands und dem Heranwachsen der Bundesrepublik einhergingen. Nachdem ihn der Sieg über den Nationalsozialismus zunächst sehr positiv in die neue Zeit gehen ließ, musste er doch bald erkennen, wie schwer das Überwinden alter Muster der Gesellschaft und ihren Stützen fiel. Eine offene Aufarbeitung fand nicht statt, die grundlegende Auseinandersetzung mit den vergangenen Jahrzehnten wurde durch das aufkommende Wirtschaftswunder in wunderbar weiche Watte gepackt. Wiederbewaffnung und kalter Krieg der Machtblöcke setzten Kästner zu, boten ihm jedoch gleichzeitig Stoff für seine politische Arbeit. Der Kampf gegen den Militarismus blieb bis zuletzt eines seiner wichtigstes Anliegen.

Kästners literarische Produktivität ließ bis zu seinem Tode 1974 mehr und mehr nach, brachte aber mit „Das doppelte Lottchen“ und dem autobiografischen „Als ich ein kleiner Junge war“ noch große Klassiker hervor. Die Verbrennung seiner Werke mehr als 40 Jahre zuvor und der Versuch, seine Gedanken aus dem kollektiven Bewusstsein der Deutschen zu tilgen, waren fehlgeschlagen.

 

Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

Literaturtipps:

  • Erich Kästner: Bei Durchsicht meiner Bücher – Eine Auswahl aus vier Versbänden, Zürich 1985.
  • Sven Hanuschek: Erich Kästner, Reinbek 2004.
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Peter Rischer hat Skandinavistik, Nordische Geschichte und Deutsch als Fremdsprache studiert und lebt heute in Lüneburg.

2 Kommentare

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    Gerhard Riegler on

    Das Erich Kästner Museum ist in Dresden . Dort ist auch die oben Abgebildete Plastik, nicht in Hannover!

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