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Historiker und ihre Kriege: Der 30jährige Krieg

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Historiker und ihre Kriege: Der 30jährige Krieg

von Tomas M. Spahn

Der in die Geschichtswissenschaft eingeflossene Begriff des „Dreißigjährigen Krieges“ vermittelt den Eindruck, es handele sich bei diesem Konflikt um einen in sich geschlossenen, unikausalen Waffengang. Tatsächlich aber bestand er aus einem Konglomerat unterschiedlichster Kriege und Kriegsursachen und stellt in gewisser Weise für Deutschland die eigentliche Zäsur zwischen Spätmittelalter und Neuzeit dar.

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Als Beschützer der deutschen Protestanten griffen die Schweden 1630 in den „30jährigen Krieg“ ein. Tatsächlich ging es ihnen um Gebietsgewinne auf Kosten des geschwächten Deutschen Reichs.

Als Beschützer der deutschen Protestanten griffen die Schweden 1630 in den „30jährigen Krieg“ ein. Tatsächlich ging es ihnen um Gebietsgewinne auf Kosten des geschwächten Deutschen Reichs.

(Bildnachweis: Gemälde von Carl Wahlbom (1855), Public Domain, via Wikimedia Commons)

1618 bis 1623: Eine innerstaatliche Rebellion

Der 30jährige Krieg begann als Aufstand der böhmischen Eliten gegen die habsburgische Herrschaft – also als das, was man heute einen Separations- oder Unabhängigkeitskrieg, fälschlicherweise auch Bürgerkrieg nennen würde. Seinen Startschuss fand er am 23. Mai 1618 mit einem gewaltsamen Protest gegen die Wiener Herrschaft im so genannten Prager Fenstersturz.

Ziel des Aufstands war es, eine Loslösung vom deutschen Großreich unter Habsburger Regentschaft, dem „Heiligen Römischen Reich“, zu erreichen. Heute wird dieser Konflikt als Böhmisch-Pfälzischer Krieg bezeichnet. Das ist allein schon deshalb fragwürdig, als hier nicht Böhmen gegen die Pfalz antrat, sondern sich eine innerdeutsche Auseinandersetzung in diesen beiden Reichsteilen abspielte. Tatsächlich wäre daher eher vom böhmischen Befreiungskampf zu sprechen.

Dieser Krieg um die Loslösung Böhmens von Heiligen Römischen Reich endete in Böhmen selbst nach nur drei Jahren im April 1621 mit der Niederschlagung des Aufstandes. Gleichsam als Nebenkriegsschauplatz hatte eine habsburgisch-spanische Armeeeinheit aus Flandern 1620 die Gelegenheit genutzt, in die linksrheinische Kurpfalz eingefallen. Die Kaiserlichen nahmen dieses mit den Böhmen verbündete Gebiet am 23. Februar 1623 für den bayerischen Kurfürsten in Besitz. Damit war der ursprüngliche Konflikt, aus dem die Nachwelt den Dreißigjährigen Krieg entwickeln sollte, nach fünf Jahren eigentlich beendet.

1566 bis 1648: Ein andauernder Separationskrieg

Die Umstände allerdings wollten, dass bereits seit 1566 die niederländischen Westfriesen in einen eigenen Separationskrieg oder Befreiungskampf gegen Habsburg verstrickt waren. Die Niederländer hatten sich am 12. April 1609 durch einen Waffenstillstand vorerst offiziell von der spanischen Fremdherrschaft befreit. Doch das habsburgische Spanien wollte diese Situation nicht hinnehmen und nutzte das Auslaufen des Waffenstillstandes 1621, um die unbotmäßigen Westfriesen erneut unter seine Herrschaft zu zwingen. Dieser Konflikt blieb zwar regional auf die Niederlande begrenzt, endete jedoch gleichwohl erst 1648 nach wechselhaftem Kriegsglück mit der staatlichen Unabhängigkeit der Niederländer.

Dieses Wiederaufflammen des niederländisch-spanischen Konflikts, der als Achtzigjähriger Krieg in die Geschichtsbücher einging, wurde zum zweiten Brennpunkt des Dreißigjährigen Krieges. Er ist jedoch allein schon auf Grund seiner Historie als unabhängiger und eigenständiger Vorgang zu betrachten. Auf das Reichsgebiet hatte er nur insofern unmittelbare Auswirkungen, als die Vereinigten Niederlande offiziell noch zum Reich gehörten. Durch den Waffenstillstand von 1609 hatten sie jedoch faktisch bereits ihre Autonomie erhalten.

1624 bis 1629: Der Dänisch-Deutsche Krieg

Für das Wiederaufflammen des Krieges im deutschen Kernland war die katholisch-französische Politik verantwortlich. Ab 1624 unternahm Frankreich einen gezielten Versuch, die katholisch-habsburgische Herrschaft im Heiligen Römischen Reich zu brechen. Durch diese Initiative entstand nunmehr ein europäischer Konflikt, in dem ein überkonfessionelles Interessenbündnis aus Franzosen, Niederländern, Engländern, Dänen und protestantischen Deutschen gegen den katholischen Kaiser in Wien antrat.

Da Dänemark das Hauptheer stellte und in Norddeutschland einmarschierte, wäre völkerrechtlich korrekt von einem Dänisch-Deutschen Krieg zu sprechen. Doch mit Wallenstein und Tilly verfügte der deutsche Kaiser über zwei begnadete Feldherren, die Dänemark 1629 nach fünf Jahren zum Ausscheiden aus dem Konflikt zwangen. Der katholische Kaiser schien damit das Reich unter Kontrolle zu haben – diese zweite Katastrophe hätte damit fünf Jahre nach ihrem Beginn und elf Jahre nach dem Prager Fenstersturz beendet sein können.

1630 bis 1635: Der Schwedisch-Deutsche Krieg

Der Sieg des deutschen Kaisers über die Dänen gab nur den Anlass für einen weiteren Krieg. Den Schutz der unterlegenen Protestanten als Interventionsgrund nehmend, landeten am 9. Juli 1630 die Schweden auf der Ostseeinsel Usedom. Ihr Ziel war es, ihre Hegemonie über den Ostseeraum endgültig durchzusetzen. Ursächlich hierfür war eigentlich ein Konflikt zwischen Dänemark und Schweden, der das schwedische Reich mit zahlreichen Gebietsabtretungen und einer Kriegsreparation in Höhe von einer Million Reichsmark erheblich gebeutelt hatte.

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Jahrzehnte lang durchzogen Söldnerheere das Deutsche Reich und hinterließen ein verheertes Land. Ein Drittel der deutschen Zivilbevölkerung starb.

Jahrzehnte lang durchzogen Söldnerheere das Deutsche Reich und hinterließen ein verheertes Land. Ein Drittel der deutschen Zivilbevölkerung starb.

(Bildnachweis: Gemälde von Josef F. Heydendahl (1906), Public Domain, via Wikimedia Commons)

Im Reich waren die schwedischen Skandinavier militärisch wesentlich erfolgreicher als ihre zuvor auf deutschem Boden involvierten dänischen Konkurrenten. Sie zogen bis nach München und bedrohten mit Österreich letztlich auch die damalige Reichshauptstadt Wien. Dieser Schwedisch-Deutsche Krieg endete am 30. Mai 1635 mit dem Ausscheiden der protestantischen Verbündeten der Schweden durch einen innerdeutschen Friedensvertrag mit dem Kaiser. Erneut hätte der Krieg auf deutschem Boden damit beendet sein können.

1635 bis 1648: Der Krieg der französisch-schwedischen Allianz gegen die Deutschen

Nunmehr taten sich die protestantischen Schweden mit den katholischen Franzosen zusammen – beide geeint in dem Ziel, die Habsburger Macht im Reich zu brechen. Neben den nach wie vor mitten im Reich stehenden Schweden wurden die Franzosen nun erstmals selbst militärisch aktiv. 1635 fielen sie mit ihrer Armee in Deutschland ein.

Dreizehn Jahre sollte dieser Angriffskrieg der vereinten Schweden und Franzosen währen und ein zerstörtes, ausgelaugtes Deutsches Reich hinterlassen. Im heute gern gefeierten Westfälischen Frieden des Jahres 1848 wurde die nach heutigem Völkerrecht unzulässige Invasion Frankreichs durch die Okkupation des deutschen Elsass und die rechtliche Absicherung des bereits seit 1555 bestehenden Zugriffs auf Lothringen belohnt. Schweden – ebenfalls als Aggressor zu betrachten – sicherte sich Vorpommern sowie Wismar und den Nordwesten des heutigen Niedersachsen einschließlich Bremens. Zusätzlich ließ es sich die Aufwendungen seines Angriffskrieg mit fünf Millionen Reichstalern refinanzieren.

1648: Erschöpfungsfriede nach dreißig Jahren

Damit waren kriegerische Auseinandersetzungen zu einem – vorläufigen – Abschluss gebracht, die über einen Zeitraum von dreißig Jahren das Deutsche Reich verheert hatten. Dennoch vermittelt der Begriff des „30jährigen Krieges“ nicht die Wahrheit über diesen Konflikt, den man aus eurozentrischer Sicht durchaus als ersten Weltkrieg bezeichnen könnte. Denn faktisch stehen wir vor einer Folge von fünf kriegerisch ausgetragenen Konflikten, von denen der eine bereits seit 1566 Bestand hatte und das Deutsche Kernreich bestenfalls peripher betraf. Die eigentlichen „deutschen“ Kriege reduzieren sich auf den böhmischen Separationsversuch und – trotz des Eingreifens spanischer Hilfstruppen auf Seiten des Kaisers – den damit in Zusammenhang stehenden Kampf um die Kurpfalz.

Den Schwerpunkt jedoch bilden zwei Angriffskriege, die unter Missachtung der deutschen Souveränität von Dänen, Schweden und Franzosen in das Reichsgebiet getragen wurden und in denen diese europäischen Mächte ausschließlich eigene Interessen verfolgten. So verkehrt der Begriff des 30jährigen Krieges nicht nur die Intention der Hauptakteure. Er ist zugleich eine Form der Propagandalüge mit dem Ziel, nicht nur das völkerrechtswidrige Verhalten der Nachbarstaaten zu kaschieren, sondern gleichzeitig die Ergebnisse der innerdeutschen Konflikte ungeschehen zu machen. Denn 1623 – nach einem fünfjährigen Krieg – war der innerdeutsche Konflikt beendet und das Deutsche Reich unter der Führung des zu diesem Zeitpunkt siegreichen katholischen Kaisers ein katholisch dominiertes Land geworden.

1629 kam es – nach der Invasion durch Dänemark – tatsächlich zu einem innerdeutschen Friedensschluss, der ein multikonfessionelles Deutschland hätte garantieren und den Konflikt nach elf Jahren beenden können. Soweit man gewillt ist, diese Kriege konfessionell begründet zu verstehen und als Einheit zu begreifen, hätte man von einem 11jährigen Krieg zu sprechen.

Der Westfälische Friede war Lohn und Legitimation für Angriffskriege

Der nunmehr folgende Konflikt ist jedoch unzweifelhaft anders zu betrachten. Als Angriffskriege von Nachbarstaaten in das Reich getragen, stehen sie nur insofern mit dem 11jährigen Krieg in Zusammenhang, als die Schwächung des Reiches durch den innerdeutschen Konflikt scheinbar die Chance eröffnete, sich aus dem Reichskuchen möglichst große Stücken herauszuschneiden.

Der Westfälische Friede belohnte diese Angriffskriege – und einen Grund, diesen Frieden zu feiern, kann es bestenfalls aus Sicht der überlebenden Restbevölkerung (Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens jeder dritte deutsche Zivilist den Konflikten zum Opfer fiel) geben. Denn tatsächlich erkannte der Westfälische Friede nicht nur das Recht auf Führen eines Angriffskrieges an. Vielmehr unterstrich er gar das Recht, territoriale Erweiterungen des eigenen Staatsgebietes über die Interessen und den Willen der betroffenen Bevölkerung hinweg durch Angriffskriege zu realisieren.

Wenn wir die fälschlich als Dreißigjährigen Krieg bezeichneten Konflikte von 1618 bis 1648 , die aus dem 11jährigen deutschen Krieg und einem 19jährigen europäischen Invasionskrieg bestanden, als eigentliche Urkatastrophe der Neuzeit auf deutschem Boden verstehen und die von ihm über den Westfälischen Frieden ausgehenden Signale als richtungsweisend begreifen wollen, finden wir hier das Fanal, aus dem heraus die Kriege der Folgezeit geprägt wurden. Die Philosophie des Westfälischen Friedens lieferte die Begründung zum Führen eines Angriffskrieges bis hin zu den Konflikten des zwanzigsten Jahrhunderts – inklusive dem selbstverständlichen Anspruch des Siegers, sich seine Beute ungehindert einverleiben zu können.

© 2013 Tomas M. Spahn

 

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Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

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Literaturtipps:

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  • Peter Englund: Verwüstung: Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, Reinbek 2013.
  • Wolfgang Froese: Wikinger, Germanen, Nordische Königreiche – Die Geschichte der Ostseestaaten, Gernsbach 2002.
  • C. V. Wedgwood: Der 30jährige Krieg, München 1967.
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Der Politikwissenschaftler, Historiker und Medienexperte Tomas M. Spahn analysiert seit mehr als einem halben Jahrzehnt die Texte des Tanach. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlich fundierten Untersuchung stehen in deutlichem Widerspruch zu den traditionellen Auslegungen.

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