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Russlands Weg nach Osten

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Russlands Weg nach Osten

von Tomas M. Spahn

Der Weg des Russischen Reichs zum Stillen Ozean ist in der Geschichtsschreibung fest mit dem Namen des ersten Zaren, Iwan IV. „dem Schrecklichen“ verknüpft. 1558 überreichte er der Kaufmannsfamilie Stroganow eine Besitzurkunde über Sibirien. Und verschenkte damit ein Territorium, über das er keine Gewalt hatte.

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Die Kosaken unter Jermak unterwarfen in den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts Westsibieren der Herrschaft des Zaren.

Die Kosaken unter Jermak unterwarfen in den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts Westsibieren der Herrschaft des Zaren.

(Bildnachweis: Gemälde von Wassili Surikow (1895), Public Domain, via Wikimedia Commons)

Die Schenkung Sibiriens an die Stroganows war gebunden an die Verpflichtung, den Kontinent zu erschließen. Russland wurde zum Kolonialreich – und ist es faktisch bis in die Gegenwart geblieben. Denn anders als die westeuropäischen Mächte konnte Russland seine Kolonien unmittelbar an die Landgrenzen des Kernreichs anschließen. Der Vorteil der durchgreifenden, unmittelbaren Kontrolle liegt auf der Hand.

Zur Kolonialisierung bedienten sich die Stroganows der Kosaken. Dies waren ehemalige Leibeigene, die auf „freiem Feld“ selbstständige, militärisch organisierte Gemeinwesen – sogenannte Sotnjes – begründeten. Dem Sotnje steht ein selbst gewählter Führer vor – der Hetman oder Ataman.

Aufgabe der Kosaken war es, die russische Oberhoheit in den von ihnen besetzten Gebieten zu sichern und dabei insbesondere die tartarischen und turkmenischen Bewohner zu unterwerfen oder zu vertreiben. Den Kosaken folgten Bauern („Sibirjaken“), Fallensteller und Kaufleute. Ziel der Letzteren: Die Jagd auf den Zobel, um das wertvolle Fell dieser Marderart an den Handelshöfen Europas zu Gold zu machen.

Konquistadoren zwischen Ural und Kamtschatka

Von 1581 bis 1584 durchquerte der Hetman Jermak mit rund achthundert Gefolgsleuten Westsibirien bis zum Irtysch. Die Kosaken eroberten das tartarische Chanat Sibir und sicherten die unterworfenen Gebiete durch die Anlage einfacher Festungen, der sogenannten Ostrogs. Auf der anderen Seite des Globus festigten Spanier und Franzosen derweil ihre Eroberungen auf dem wiederentdeckten Kontinent Amerika.

1610 erreichten die Kosaken die Mündung des Jenissei, der 1619 zur Ostgrenze des Zarenreichs wurde. Bis 1640 wurden Mittel- und Ostsibirien erkundet, und 1648 erreichte Simon Deschnew ein Gewässer, das später den Namen Bering-Straße tragen würde und den asiatischen vom amerikanischen Kontinent trennt.[/fusion_builder_column][fusion_builder_column type=“1_1″ background_position=“left top“ background_color=““ border_size=““ border_color=““ border_style=“solid“ spacing=“yes“ background_image=““ background_repeat=“no-repeat“ padding=““ margin_top=“0px“ margin_bottom=“0px“ class=““ id=““ animation_type=““ animation_speed=“0.3″ animation_direction=“left“ hide_on_mobile=“no“ center_content=“no“ min_height=“none“][fusion_lightbox]

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Mit der Gründung von Irkutsk am Westufer des Baikalsees im Jahre 1652 war auch die Jenissei-Grenze überschritten. Nur ein Jahr später erreichte Chabarow das Amur-Becken. 1679 wurde die Halbinsel Kamtschatka vom Russischen Reich in Besitz genommen. Russland war am Pazifik angekommen.

Die Okkupation der mit rund 6.000 Kilometer Länge und fast 2.000 Kilometer Breite unendlich anmutenden Weiten Sibiriens innerhalb von nur rund einhundert Jahren ist maßgeblich darauf zurückzuführen, dass die Volksstämme in diesen Landstrichen ähnlich den nordamerikanischen Indianern überwiegend in kleineren Gruppen lebten. Die großen Mongolenreiche hatten ihren Zenit längst überschritten. Die nomadisierenden Stämme waren keine ernsthaften Gegner für die europäischen Invasoren.

So ähnelt das Schicksal der Sibirier in vieler Hinsicht dem Landraub, den die Einwohner des amerikanischen Kontinents über sich ergehen lassen mussten.

Die Grenzen im Süden und Osten

Erst im Amur-Becken stießen die russischen Konquistadoren auf ernst zu nehmende Gegner – die Chinesen. Der Konflikt war unvermeidlich und endete – vorerst – 1689 mit dem Vertrag von Nertschinsk. Es war der erste Vertrag zwischen einer europäischen Macht und China. Er legte den Amur als Grenzfluss zwischen Russland und dem Reich der Mitte fest.

Während der Regierung von Zar Peter dem Großen 1689 bis 1725 verlagerte sich das russische Interesse gen Westen. Doch ganz nebenbei wurde auch die Expansion im Osten fortgesetzt: So gelang Russland noch im 18. Jahrhundert der Schritt über Sibirien hinaus: Alaska, die Nordwestregion des amerikanischen Kontinents, wurde 1791 russisches Staatsgebiet. 1867 wurde es von den USA für 7,2 Millionen Dollar gekauft.

Erst nach dem Ende des Konflikts mit Napoleons Franzosen zu Beginn des 19. Jahrhunderts fiel Russlands Blick wieder auf die Gebiete – und Völker – im asiatischen Süden und Osten. Zwischen 1830 und 1859 unterwarf Russland die kaukasischen Völker und dehnte seinen Machtbereich bis einschließlich Armenien aus. Zwischen 1853 und 1880 wurde das Staatsgebiet zu Lasten Turkmeniens und Turkestans bis an die Grenzen von Persien und Afghanistan erweitert. Und im Fernen Osten kam es erneut zum Konflikt mit China, das schließlich gezwungen war, der Abtretung des Amur-Gebietes und der Pazifikküste vertraglich zuzustimmen.

Japan tritt auf den Plan

Ab Mitte der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts tauchte Japan aus seiner Isolation aus und wurde rasch zur ernstzunehmenden Macht in der Region – und zum Konkurrenten für die russische Expansion. 1875 tauschte Russland mit Japan die Kurilen-Inseln im nördlichen Pazifik gegen die der pazifischen Küstenprovinz vorgelagerte Insel Sachalin. Gleichzeitig wurde hier die Grundlage zum Konflikt mit einem neuen Gegner gelegt. Denn ebenso wie Russland war Japan am nördlichen China interessiert. Mit der russischen Übernahme Port Arthurs 1898 und der Besetzung der Mandschurei zwei Jahre später sah Japan seine Interessen ernsthaft bedroht.

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Anfang des 19. Jahrhunderts erschloss Russland die sibirischen Weiten mit großangelegten Bahnbau-Projekten. Beim Bau wurden vor allem Strafgefangene eingesetzt.

Anfang des 19. Jahrhunderts erschloss Russland die sibirischen Weiten mit großangelegten Bahnbau-Projekten. Beim Bau wurden vor allem Strafgefangene eingesetzt.

(Bildnachweis: Russian National Library/Public Domain, via Wikimedia Commons)

Am 12. August 1903 überreichte der japanische Gesandte Kurino in Sankt Petersburg eine diplomatische Note, in der Vorschläge zur Abgrenzung der gegenseitigen Interessen in Fernost unterbreitet wurden. Die Verhandlungen zogen sich ergebnislos bis ins nächste Jahr hin – bis schließlich der japanische Botschafter den Abbruch der diplomatischen Beziehungen erklärte. Im jetzt unvermeidlich gewordenen Krieg holte sich Russland eine der schmerzlichsten Niederlagen seiner Geschichte. Mit Kriegsende verlor es die Mandschurei und den Süden Sachalins.

1945 sah die nun von Stalin regierte Sowjetunion in der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg die Chance, das 1905 verlorene Gebiet zurück zu holen: Der Süden Sachalins wurde wieder russisch, die zwischen Japan und Kamtschatka gelegenen Kurilen wurden besetzt – Status Quo bis in die Gegenwart. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnten zwar die lange russisch dominierten Völker im Westen und Süden des alten Reichs zumindest partiell ihre territoriale Unabhängigkeit erringen. Sibirien und seine Völker jedoch blieben im Reich, das nun auch dem Namen nach wieder ein russisches ist.

© 2013 Tomas M. Spahn

 

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Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

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Literaturtipps:

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  • W. Bruce Lincoln: Die Eroberung Sibiriens, München 1996.
  • Hans-Heinrich Nolte: Kleine Geschichte Russlands, Stuttgart 2003.
  • Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich – Entstehung, Geschichte, Zerfall, 2. Auflage, München 2008.
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Der Politikwissenschaftler, Historiker und Medienexperte Tomas M. Spahn analysiert seit mehr als einem halben Jahrzehnt die Texte des Tanach. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlich fundierten Untersuchung stehen in deutlichem Widerspruch zu den traditionellen Auslegungen.

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