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Wie Hitler den Beinamen „der Große“ verlor, bevor er ihn erhielt

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Wie Hitler den Beinamen „der Große“ verlor, bevor er ihn erhielt

Adolf der Große? Zugegeben – diese Bezeichnung ist provokativ und erscheint für eine Person wie Adolf Hitler mehr als absurd. Und doch steht dahinter eine konkrete Frage an die Geschichtswissenschaft. Sie lautet: Welchen Anteil haben die Geschichtsschreibung und die ihr dienenden Historiker an den politischen Katastrophen, die im zwanzigsten Jahrhundert die Menschheit heimsuchten?

Deutschstämmige Polen erhalten 1940 eine Grundausstattung für ihre Wohnung: Das Bildnis des Führers. Der Kult um Hitler nahm schnell religiöse Ausmaße an. Deutschstämmige Polen erhalten 1940 eine Grundausstattung für ihre Wohnung: Das Bildnis des Führers. Der Kult um Hitler nahm schnell religiöse Ausmaße an.
(Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 137-075664/ Holtfreter, Wilhelm/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Historiker und ihre nahen Verwandten, die Annalenschreiber, haben seit jeher die Neigung, besonders herausragende Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte mit attributiven Beinamen zu versehen. Nur selten werden die Betroffenen dabei so treffend beschrieben wie Vlad der Pfähler – jener Walache, der ob seiner unmenschlichen Grausamkeit als literarische Vorlage des Grafen Dracula diente.

Da es des Historikers ehrenvolle – und einkommenssichernde – Aufgabe ist, es den Herrschenden recht zu schreiben, findet sich für die Vollbringer von so genannten Großtaten schnell der glorifizierende Beiname „der Große“. Die Geschichtswerke kennen zahlreiche dieser „Großen“ – weshalb es naheliegend ist, sich der wahren Größe dieser Personen und damit der eigentlichen Ursache ihres Namenszusatzes bewusst zu werden.

Angriffskrieg, Völkermord und Unterdrückung zeichnen die Großen aus

Greifen wir uns willkürlich einige davon heraus – und beginnen wir mit dem Größten der Großen: Alexander. Der Makedone konzentrierte sich im Schwerpunkt seines Handelns auf das Führen von aus heutiger Perspektive völkerrechtswidrigen Angriffskriegen. Kompromisslos unterwarf er nach den Griechen die Thraker und Illyrer, die ionischen Stadtstaaten und Lydien. Er führte einen Angriffskrieg gegen Persien, den er bis nach Ägypten und Indien ausdehnte. Er führte einen Terrorkrieg gegen die Bewohner der ehedem phönizischen Stadtstaaten am östlichen Mittelmeer. Am Ende stand ein Großreich von der Sahara bis zum Hindukusch, das dem Makedonen seinen glänzenden Beinamen einbrachte. Bei Licht betrachtet jedoch ist Alexander nichts anderes als ein Massenmörder und Angriffskrieger – der nach heutigem Völkerrechtsverständnis alles Recht erwirkt hätte, vor dem Haager Menschenrechtstribunal zu lebenslanger Haft verurteilt zu werden.

Wenden wir uns einem Zentraleuropäer zu, dessen Verehrung nicht nur in Aachen in hohem Kurs steht: Karl der Große. Dieser Germane begann seine Karriere mit der gewaltsamen Unterwerfung der Unabhängigkeitsbewegungen in Aquitanien. Er führte mit großer Grausamkeit Unterwerfungskriege gegen die nordöstlich siedelnden Sachsen, überfiel die benachbarten Langobarden und Mauren, nahm den Bayern gewaltsam ihre Hoffnung auf politische Unabhängigkeit und organisierte brutale Feldzüge gegen die zentraleuropäischen Slawen. Alles in allem ebenfalls genügend Anklagepunkte für das Haager Kriegsverbrechertribunal.

Friedrich der Große, bewunderter Gründer eines machtvollen Preußen, hätte sich ebenfalls in Den Haag zu verantworten. Angriffskriege gegen Schlesien und Sachsen ebenso wie die Annexion von Teilen Polens stehen in eklatantem Widerspruch zu unseren heutigen Völkerrechtsauffassungen.

Karl der Große und Saddam Hussein gehören vor ein Gericht

Die Reihe dieser „Großen“ und ihrer Taten ließe sich fast unbegrenzt fortsetzen. Sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Anklagepunkten, die zum ausgehenden zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhundert gegen Despoten wie Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi und Warlords wie Thomas Lubanga oder Dragomir Milošević erhoben wurden, in jeder Hinsicht gerecht werden. Und dennoch gelten sie bis heute als „Große“. Weshalb? Weil die Größe ihres Tuns nicht an der Zahl der Opfer ihrer Kriege und der von ihnen ausgehenden Unterdrückung gemessen wird, sondern einzig und allein an einem einzigen Kriterium: Der Größe des imperialen Reichsgebietes, das sie am Ende ihres Lebens hinterließen.

Die Tatsache, dass Historiker seit Generationen die Beurteilung eines Politikers – und um nichts anderes handelt es sich bei all den Genannten – offenkundig ausschließlich am Umfang der territorialen Expansion festmachen, mag für sich schon bedauerlich genug sein. Doch dieses Phänomen offenbart zudem einen historischen Zeitgeist, der den Einsatz für individuelle Freiheit und persönlichen Wohlstand gänzlich ausblendet. Weshalb es erlaubt sein muss, diesen historischen Blickwinkel als im Kern totalitär und imperialistisch zu bezeichnen.

Das nun aber ist der Punkt, wo die scheinbar wissenschaftliche Betrachtung von Geschichte durch den Historiker selbst zur Ursache des durch Kriege und Despoten hervorgerufenen menschlichen Leids werden kann. Als geistige Wegbereiter sind sie zumindest mitschuldig.

Was Hitler von Alexander, Karl und Friedrich lernte

Ein Mann wie Hitler kannte nur ein Ziel: Er wollte als Adolf der Große in die Geschichtsbücher eingehen, sich in eine Reihe mit Alexander, Karl und Friedrich stellen. Er tat dafür nichts anderes, als sich an den Maßstäben der Historiker zu orientieren: Er schaltete jede innerstaatliche Opposition aus – ein Vorgehen, das bei den „Großen“ der Weltgeschichte bis heute kaum eine Randnotiz wert ist. Er vernichtete Teile der eigenen Bevölkerung – ebenfalls kein Novum und in der Geschichtsschreibung bis dahin nur selten Anlass zur Kritik. Er annektierte früher zum Reich gehörendes Territorium – mal mehr oder weniger friedlich, mal mit Gewalt. In Anlehnung an Karl den Großen zog er gen Westen und übernahm die Herrschaft des europäischen Kernlandes bis zum Atlantik und den Pyrenäen. Großgermanisch geprägt wurden Dänemark und Norwegen einverleibt – und ebenfalls in karlistischer Tradition ein Vernichtungsfeldzug gegen die Slawen organisiert.

All dieses und damit einhergehend die Gewalt und die Verbrechen gegen jedwede Menschlichkeit unterscheiden Hitler im Kern nicht von den „Großen“ der menschlichen Geschichte. Hätte er im Frühjahr 1941 einen Verhandlungsfrieden herbeigeführt oder herbeiführen können – was hätte die Historiker davon abgehalten, ihm, dem größenwahnsinnigen Schlächter, ebenfalls das heroifizierende Attribut „der Große“ anzuheften? Wie seine historischen Vorbilder wäre Hitler das gewesen, was die Geschichtsschreiber als Reichseiner und Begründer eines Weltreichs beschreiben. Und wie bei seinen historischen Vorbildern wäre die menschenverachtende, kriminelle Energie, mit der diese Größe erreicht wurde, vermutlich eher über kurz als über lang ausgeblendet worden.

Vielleicht war es diese Überlegung, die den historisch bewanderten Winston Churchill veranlasste, statt eines möglichen und für Großbritannien immer noch ehrenvollen Vertragsfriedens bei weitgehender Sicherung der imperialen Weltmachtstellung den Kampf bis zum absoluten Zusammenbruch des Hitler-Imperiums fortzusetzen. Vielleicht riskierte Churchill den Zerfall des ebenfalls ohne Rücksicht auf die betroffenen Völker zustande gekommene britischen Imperium nur aus diesem einen Grunde: Um einen Adolf den Großen zu verhindern.

© 2012 Tomas M. Spahn

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Webtipps:
Literaturtipps:
  • Hans Dollinger: Schwarzbuch der Weltgeschichte – 5000 Jahre der Mensch des Menschen Feind, München 1973.
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Der Politikwissenschaftler, Historiker und Medienexperte Tomas M. Spahn analysiert seit mehr als einem halben Jahrzehnt die Texte des Tanach. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlich fundierten Untersuchung stehen in deutlichem Widerspruch zu den traditionellen Auslegungen.

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