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Augustinus und die Grenzen der Toleranz

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Augustinus und die Grenzen der Toleranz

von Mirko Gründer

Der Kirchenvater Augustinus lebte im 4. Jahrhundert, als das Christentum im Römischen Reich die Vorherrschaft übernahm. Für den christlichen Denker stellte sich die Frage, wie mit Andersgläubigen umzugehen sei, nun völlig neu. Er formulierte Grenzen der Toleranz, die das westliche Denken bis heute prägen.

Der Bischof und Theologe Augustinus (354-430) entwickelte die Grundlagen für den Umgang der christlichen Kirche mit Andersgläubigen.

Der Bischof und Theologe Augustinus (354-430) entwickelte die Grundlagen für den Umgang der christlichen Kirche mit Andersgläubigen.

(Bildnachweis: Gravur, Künstler unbekannt, Public Domain, via Wikimedia Commons)

Augustinus lebte zu einer Zeit, in der das katholische Christentum noch um seine Vorherrschaft im Römischen Reich kämpfen musste. Alternative Weltanschauungen wie die der Manichäer und der antiken Philosophen oder erfolgreiche christliche Alternativen wie der Arianismus stellten die Macht der Bischöfe in Frage. Die Theologen waren gefordert: Sie mussten gültige Verfahrensweisen für den Umgang mit fremden Glaubensgemeinschaften entwickeln und überzeugend begründen.

Zugleich jedoch waren sie in der komfortablen Lage, aus einer neuen Position der Stärke heraus zu argumentieren. Die Christen der ersten Jahrhunderte hatten ihre Position zu anderen Religionen noch aus der Perspektive der Verfolgten und Unterdrückten formuliert. Ihr Augenmerk lag daher auf Argumenten für Religionsfreiheit. Sie betonten noch, dass der Mensch nicht zu einem endgültigen Urteil über religiöse Wahrheit berechtigt sei – es stünde nur Gott zu.

AKTUELL:

Die neue Krim-Krise lässt alte Fragen nach den Grenzen der Toleranz und der Legitimität von kriegerischen Interventionen wieder aktuell werden.

Für Augustinus und seine Zeitgenossen dagegen stellte sich die Frage, wie die Kirche gegen Angriffe von außen geschützt werden kann. Das Staatsreligion gewordene Christentum brauchte eine neue Einstellung zu Nichtchristen und zu Abtrünnigen. Augustinus‘ Gedanken zu dieser Frage sollten sich mindestens bis zur Reformation als wichtige, stets neu zu diskutierende Leitideen halten.

Liebe auch gegenüber Abweichlern?

Tatsächlich decken seine Äußerungen zu diesem Thema ein breites Spektrum ab. Sie sind als Lösungen für konkrete historische Herausforderungen entwickelt und finden sich verstreut und ohne äußeren Zusammenhang in vielen seiner Schriften und Briefe. So verwundert es kaum, dass sie Potenzial zur Weiterentwicklung in vielerlei Richtungen boten: So beruft sich Anselm von Havelberg im 12. Jahrhundert auf ihn, um die Vielfalt der Lehren und die Duldung von Ketzern zu begründen, während Thomas von Aquin ein Jahrhundert später mit Hilfe von Augustinus die Todesstrafe für Ketzer fordert.

An der Wurzel des Problems steht für Augustinus die christliche Liebe, wie sie vom Apostel Paulus im ersten Korintherbrief gepredigt wird. In der Welt nach dem Sündenfall werden die Guten und Rechtgläubigen stets mit Sündern und Abweichlern konfrontiert sein. Sie dulden sie jedoch in ihrer Mitte, weil es die christliche Liebe gebietet. Denn erst im Angesicht der Herausforderung beweist die Liebe als „tolerantia malorum“ – als Ertragen des Übels – ihren eigentlichen Wert. Die Herausforderung kann als göttliche Prüfung der Stärke des Einzelnen verstanden werden – als Prüfung an Glaube und Liebe zugleich. Das Bestehen dieser Prüfung stärkt den Gläubigen und die Kirche.

Nach Augustinus dienen die Abweichler somit letztlich der Enthüllung und inneren Festigung der Kirche und ihrer Gläubigen. Doch in diesem Argument war bereits das Umschlagen in Zwangsmaßnahmen gegen Andersdenkende angelegt. Denn die Nächstenliebe verpflichtet nicht einfach zum Ertragen des Anderen. Es kann ja nicht im Sinne dieser Liebe liegen, ihn in seinem Irrtum zu belassen und ihn so der Verdammnis auszuliefern. Die Liebe muss vielmehr nach seiner Rettung streben. So folgert Augustinus also bald, dass es weniger auf den Zwang selbst ankomme als darauf, wozu man gezwungen wird, und legitimiert so den Zwang in Glaubensfragen.

Keine Toleranz gegen echte Bedrohungen

Eine zweite Einschränkung der Toleranz ergibt sich daraus, dass sie in Augustins Darlegungen einem klaren Zweck dient. Gut ist sie nämlich, weil sie der Festigung des Glaubens und der Prüfung der Gläubigen dient. Es liegt nahe, diesen Wert in Frage gestellt zu sehen, wenn der konkrete Schaden durch die Duldung einer fremden Gruppe größer ist als dieser abstrakte Nutzen. Die duldende Liebe verliert dann ihre Berechtigung. Wenn die Kirche um ihr Überleben kämpft, ist Toleranz unangebracht. Wie sich die Gesellschaft der Gesetzesbrecher entledigen muss, so kann die Kirche Abweichler disziplinieren. Zwar ist das bedauerlich und eine friedliche Bekehrung allemal wünschenswerter – doch die Realität habe ihn die Notwendigkeit von Zwang gelehrt, schreibt Augustinus.

Augustinus war als Bischof selbst in einen heftigen Konflikt mit einer Ketzergruppe geraten, den Donatisten, und dies war sein Argument, um gegen sie vorgehen zu dürfen. Seine Lösung – gewaltsamer Zwang als „ultima ratio“ gegen Ketzer, die die Kirche gefährden – wurde später vom extremen Ausnahmefall zur allgemeinen Norm erhoben. Abfall vom „reinen“ Glauben wurde zum Verbrechen am Gemeinwesen, auf das seit der kaiserlichen Ketzergesetzgebung von 1224 der Feuertod stand.

Eine Theorie des gerechten Glaubenskrieges

Seine Rechtfertigung von Zwang gegen Andersdenkende flankierte Augustinus mit einer christlichen Theorie des gerechten Krieges. Sie war notwendig, um den im frühen Christentum vorherrschenden Pazifismus zu durchbrechen und so kirchlich sanktionierte Gewalt gegen Abweichler zu rechtfertigen.

Die Lehren von Augustinus wirkten vor allem als Rechtfertigung für Zwangsmaßnahmen gegen Andersgläubige.

Die Lehren von Augustinus wirkten vor allem als Rechtfertigung für Zwangsmaßnahmen gegen Andersgläubige. Hier: Katharer werden 1209 als Ketzer aus ihrem Zentrum Carcassone vertrieben.

(Bildnachweis: Buchmalerei, ca. 1415, Public Domain, via Wikimedia Commons)

Für den Kirchenvater war klar, dass eine rein formale – sozusagen völkerrechtliche – Rechtfertigung des Krieges, wie sie die Antike kannte, nicht ausreichte. Er entwarf eine moralische Lehre der Kriegsschuld, die wir in ihren Grundzügen bis heute akzeptieren. Dabei spielt die Motivation einer Partei, in einen Konflikt einzutreten, die entscheidende Rolle.

Ausdrücklich sind laut Augustinus jene Kriege gerechtfertigt, die auf Gottes ausdrückliche Weisung stattfinden. Da Gott sich allerdings selten deutlich genug bekundet, schlägt er eine ergänzende moralische Definition des „gerechten Krieges“ vor: Ein Krieg ist gerechtfertigt, wenn er zur Wiedergutmachung oder Verhinderung von Unrecht geführt wird. Wenn er geführt wird, um die Weltordnung zu erhalten oder wiederherzustellen.

Doch wer hatte die Autorität, solche Entscheidungen zu treffen? Hierbei konnte es sich in Augustinus‘ Welt nur um eine weltliche Gewalt handeln – in seiner Zeit der römische Kaiser. Er hatte mit geeigneten Mitteln die Weltordnung zu garantieren – ja, und genau genommen war er dazu nicht nur berechtigt, sondern vielmehr verpflichtet. Das geeignete Mittel wird übrigens oft neben dem gerechten Grund und der legitimen Autorität als das dritte Kriterium des gerechten Krieges auf Augustinus zurückgeführt.

Steinbruch der Ideen eines ganzen Jahrtausends

Der gerechte Krieg wurde durch diese Art der Rechtfertigung direkt mit Disziplinargewalt und Strafrecht verbunden. Schon für Augustinus lag der Gedanke nahe, auch Krieg als Bestrafung als legitim zu betrachten. Im augustinischen Weltbild verschmelzen religiöse, moralische und juristische Fragen so eng, dass zwischen Irrglauben, Sünde und Verbrechen nicht mehr streng unterschieden werden kann. Der Krieg gegen andersgläubige Gruppen wird so ausdrücklich gerechtfertigt.

Mit seiner vielschichtigen Toleranzidee und seiner Kriegsethik hat der Kirchenvater Augustinus der Kirche ein Erbe hinterlassen, das diese lange wiederkäute. Nicht zuletzt die Änderung der Weltlage ab dem 4. Jahrhundert sorgte für wichtige Verschiebungen: Die christliche Welt hatte es im Mittelalter weniger mit gefährlichen Abweichlern zu tun – sie musste vor allem ihr Verhältnis zu den Muslimen an den Grenzen und zu den Juden in ihrem Innern bestimmen. Hier standen Elemente der augustinischen Lehre Pate für die mittelalterlichen Religionskriege und Kreuzzüge, für die Inquisition und die Zwangstaufe.

veröffentlicht am 7. April 2014

Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

Literaturtipps:

  • Kurt Flasch: Augustin. Einführung in sein Denken. 3. Auflage, Stuttgart 2003.
  • Rainer Forst: Toleranz im Konflikt. Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen Begriffs, Frankfurt am Main 2004.
  • Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster 2007.
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Mirko Gründer ist Freier Journalist und Initiator von Historeo. Er hat Geschichtswissenschaft und Philosophie studiert und sich eingehend mit den religiös motivierten Konflikten in Geschichte und Gegenwart auseinandergesetzt.

4 Kommentare

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    Theodor Imholz on

    Hallo
    Als Ergänzung zu diesem Beitrag empfehle ich Richard David Precht’s «Erkenne die Welt». In diesem philosophie-geschichtlichen Werk geht der Autor ausführlich auf den Wandel des Bischofs von Hippo ein. Die «disciplina catholica» bedeutete das Ende der pythagoreisch-platonisch-christlichen Tradition. Alle Macht der Kirche und keine Freiheit für das Individuum. Augustinus war ein totalitärer Denker.

    Mit freundlichen Grüssen
    Theo

  2. avatar

    Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen. Vielen dank für die Informationen.

    Gruß Anna

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