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Das ewige Leben – Die Mumien von Palermo

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Das ewige Leben – Die Mumien von Palermo

von Gunnar Gründer

Mumifizierung war nicht nur im ägyptischen Altertum gebräuchlich. Viele Kulturen wollten Tod und Zerfall ein Schnippchen schlagen. Noch im 19. Jahrhundert wurden in Palermo auf Sizilien Verstorbene mumifiziert – in einem christlichen Kloster.

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Mumifizierte Priester in den Katakomben des Kapuzinerklosters von Palermo.

Mumifizierte Priester in den Katakomben des Kapuzinerklosters von Palermo.

(Bildnachweis: Habanero666/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Die Frage, was nach dem Tod kommt, beschäftigt Menschen seit Jahrtausenden. Dem Zerfall des Körpers Einhalt zu gebieten, gilt vielen Kulturen als kleiner Sieg über den Tod. Aber nur unter sehr speziellen Voraussetzungen bleibt von einem Körper mehr als nur sein Skelett erhalten.

Das kann durchaus ganz natürlich geschehen: Damit eine natürliche Mumie durch Mumifikation entstehen kann, müssen allerdings extreme Umweltbedingungen herrschen. Nur unter großer Kälte oder Trockenheit oder bestimmte giftige Milieus können sich auch Weichteile des Körpers erhalten. So sind einige der berühmtesten Mumien der Welt entstanden, wie etwa Ötzi oder die zahlreichen Moorleichen.

Die bekanntesten Mumien der Welt sind aber sicherlich die ägyptischen. Sie sind durch eine künstliche Technik zur Konservierung des Körpers entstanden, die sogenannte Mumifizierung. Bei ihr wurden zunächst jene Teile aus dem Körper entfernt, die dem Zerfall am stärksten ausgesetzt sind: Die inneren Organe und das Gehirn. Dann wurde der Körper einbalsamiert, um ihn vor dem Verfall zu schützen. Eine ausgefeilte und erfolgreiche Technik – viele ägyptische Mumien sind heute, nach teilweise über 3.000 Jahren, noch erstaunlich gut erhalten.

Aber selbst das neuzeitliche Europa hat den Traum, den Zahn der Zeit austricksen zu können, nicht ganz aufgegeben. Das berühmteste und dauerhafteste Beispiel ist der russische Revolutionsführer Lenin, der seit fast 90 Jahren im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau konserviert wird. Weniger bekannt sind die Mumien in der Gruft des Kapuzinerklosters von Palermo.

Mumifizierte Mönche, durch Zufall entdeckt

Als Ende des 16. Jahrhunderts der Platz im Grabgewölbe des Klosters nicht mehr für weitere Ordensbrüder ausreichte, wurde unter dem Hochaltar eine neue Grablege errichtet. Seit der Gründung des Klosters im Jahr 1534 waren 45 Mönche in der alten Gruft beerdigt worden. Als ihre Überreste nach der Fertigstellung des Neubaus umgebettet werden sollten, machten die Kapuzinerbrüder eine sensationelle Entdeckung: Anders als erwartet fanden sie nicht die Knochen ihrer bestatteten Brüder, sondern deren vollständig erhaltene Körper.

Aus den Toten waren durch den sie umgebenden Tuffstein Trockenmumien geworden. Es war offensichtlich ein Wunder, und die Unversehrtheit der Toten wurde als göttliches Zeichen angesehen. Keine Überraschung also, dass die Gruft schnell sehr populär wurde, und zwar nicht nur als Pilgerstätte. Schon bald wurden nicht nur Mönche, sondern auch immer mehr Adlige und Förderer des Ordens dort beigesetzt. Und das Kloster wurde reich, denn die Kapuziner ließen sich die ungewöhnliche Bestattung fürstlich bezahlen.

So musste die Grablege ständig vergrößert werden. Um 1732 erreichten die Katakomben etwa ihre heutige Größe, auch wenn einzelne Bauarbeiten noch bis 1823 weitergingen. Dabei kam es zu einer Unterteilung der Katakomben in verschiedene Bereiche: einen Korridor der Männer und einen Korridor der Frauen, den Korridor der „Professionisti“ (Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer, Künstler, Politiker und Offiziere), den Korridor der Priester und den Korridor der Mönche – sowie eine Nische für Jungfrauen und eine für Kinder.

Die Mumifizierung-Experten von Palermo

Die Kapuziner wurden schnell zu wahren Mumifizierungs-Experten. Zur Konservierung der Körper kamen verschiedene Techniken zum Einsatz. Meist wurden die Leichname zunächst in sogenannte „Colatoi“ (Abtropfnischen) gelegt, die in den vulkanischen Tuffstein gehauen oder mit ihm ausgemauert wurden. In diesen Nischen befanden sich steinerne Wannen mit Terrakottaröhren, durch die neben dem saugfähigen Tuff die Leichenflüssigkeit abfließen konnte. Dies geschah unter völligem Luftabschluss. Innerhalb etwa eines Jahres konnten so völlig ausgetrocknete Körper entstehen.

Falls die Mumifizierung nicht wie gewünscht verlaufen war, wurden die Körper mit Stroh, Flachs oder Wolle ausgestopft, damit sie ihre ursprüngliche Form beibehielten. Nach der Austrocknung wusch man sie mit Essig und legte sie einige Wochen zur weiteren Trocknung in die Sonne. Danach kam der wohl makaberste Teil: Die Mumie wurde in ihre Berufs- oder Festtagskleidung gesteckt und öffentlich ausgestellt. Ab diesem Zeitpunkt konnte sie von Verwandten in der Gruft besucht und von Zeit zu Zeit auch neu eingekleidet werden.

Über die Jahrhunderte entwickelten die Mönche neben dieser natürlichen Methode der Austrocknung weitere Techniken zur Konservierung. Unter anderem wurde die Exenteration – Herausnehmen von Eingeweiden – sowie das Eintauchen und die intravaskuläre Injektion genutzt, wobei die Leichen mit Kalk bzw. Kalkmilch und Arsenik behandelt wurden. Die mit dieser Methode geschaffenen Mumien sind bis heute besonders gut erhalten. Im 19. Jahrhundert wurden die Körper zudem mit verschiedenen Substanzen einbalsamiert sowie geschminkt und mit falschen Augen versehen. Damit wollten die Mönche für ein realistischeres und lebendigeres Aussehen sorgen.

Die schönste Mumie der Welt

Nach mehr als zwei Jahrhunderten wurde 1837 diese Art der öffentlichen Bestattung von der Regierung verboten. Insgesamt sind bis heute, trotz Bombentreffern und zunehmendem Verfall, etwa 2.000 Mumien in der Gruft erhalten geblieben, und sind heute eine makabre Touristenattraktion für Sizilienreisende.

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Die zweijährige Rosalia Lombardo ist 1920 als letzte in der Gruft beigesetzt worden.

Die zweijährige Rosalia Lombardo ist 1920 als letzte in der Gruft beigesetzt worden.

(Bildnachweis: Maria lo sposo/gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

Der wohl am besten erhaltene Leichnam in Palermo ist die bei ihrem Tod erst zwei Jahre alte Rosalia Lombardo. Sie war 1920 an der Spanischen Grippe verstorben. Ihr Vater General Mario Lombardo ließ seinen Einfluss spielen, damit sie trotz des herrschenden Verbotes in die Katakomben aufgenommen wurde. Präpariert wurde sie von dem Einbalsamierer Alfredo Salafia, der eine Konservierungsmethode benutzte, die lange Zeit unbekannt waren und erst 2009 ergründet werden konnte. Seine Methode war so gut, dass bis heute selbst kleinste Härchen zu erkennen sind und er so die „schönste Mumie der Welt“ erschuf.

 

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Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

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Literaturtipps:

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  • Alfried Wieczorek/Michael Tellenbach/Wilfried Rosendahl (Hrsg.): Mumien – Der Traum vom ewigen Leben, Mainz 2007.
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Gunnar Gründer studiert seit 2006 Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Ur- und frühgeschichtliche Archäologie und Bauforschung/Baugeschichte in Bamberg und hat an Ausgrabungen in ganz Deutschland teilgenommen.

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