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1904: Der Herero-Aufstand – der deutsche Sündenfall

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1904: Der Herero-Aufstand – der deutsche Sündenfall

von Mirko Gründer

Am 12. Januar 1904 erhob sich das Volk der Herero gegen die Kolonialherren in Deutsch-Südwestafrika. Die Niederschlagung des Aufstands durch die deutsche „Schutztruppe“ war gnadenlos und wurde zum ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Nach der Schlacht am Waterberg flohen die Herero in die Omaheke-Wüste. Nur wenige überlebten die Flucht, da die deutsche "Schutztruppe" sie systematisch von den Wasserstellen fernhielt.

Nach der Schlacht am Waterberg flohen die Herero in die Omaheke-Wüste. Nur wenige überlebten die Flucht, da die deutsche „Schutztruppe“ sie systematisch von den Wasserstellen fernhielt.

(Bildnachweis: Foto von 1904, Fotograf unbekannt, Public Domain, via Wikimedia Commons)

Alles begann mit einem Schwindel: Als Adolf Lüderitz im Mai 1883 dem Volk der Nama eine Bucht im Süden des heutigen Namibia abkaufte, nutzte er ein Missverständnis über Maßeinheiten zu seinem Vorteil. Der Führer der Nama war mit der englischen Meile vertraut, jedoch nicht mit der fast viermal längeren deutschen Meile. So erhielt der Bremer Kaufmann für 100 englische Pfund und 200 Gewehre ein viermal so großes Gebiet, als die Eingeborenen eigentlich verkauft zu haben glaubten. Das durch diesen „Meilenschwindel“ erworbene „Lüderitzland“ wurde zur Keimzelle der ersten Kolonie des deutschen Reiches: Deutsch-Südwestafrika.

DATUM:

Am 12. Januar 1904 begann der Herero-Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika.

Das Land war nicht unbedingt eine Goldgrube. Die bedeutenden Diamanten-, Uran- und Kupfervorkommen waren anfangs noch unbekannt, und auch für die Landwirtschaft bot das unwirtliche Land nicht unbedingt optimale Voraussetzungen. Ackerbau war in der „Lüderitzschen Sandbüchse“ mühsam, lediglich Rinder- und Schafzucht bot Einheimischen wie deutschen Siedlern ein solides Auskommen.

Das Gebiet sei „nichts wie ein ödes Sandloch“, spottete der Reichstagsabgeordnete Eugen Richter 1885. „Zu bedauern sind da nur die armen drei Beamten, die jetzt dort unsere Flaggenstangen auf dem öden Sandmeer bewachen müssen.“ Reichskanzler Bismarck, ohnehin nie ein großer Verfechter kolonialer Ambitionen, war drauf und dran, das Unternehmen Deutsch-Südwest abzublasen.

Divide et impera

Auch die Beziehungen mit den Eingeborenen waren alles andere als einfach. In dem von Deutschland beanspruchten Gebiet lebten gut 200.000 Angehörige einheimischer Völker. Die größte Bevölkerungsgruppe stellte das Volk der Herero mit mehr als 80.000 Menschen. Sie leisteten den vordringenden Deutschen anfangs heftigen Widerstand, doch 1890 kam es zu einem folgenschweren Wandel: Der oberste Führer der Herero, Samuel Maharero, entschied sich zu Kooperation mit den Deutschen. Er war erst kurz zuvor seinem Vater nachgefolgt und wollte mit Hilfe der Kolonialmacht seinen Herrschaftsanspruch festigen. Zugleich waren die Herero durch die in immer größerer Zahl von Süden aus der britischen Kapkolonie einwandernden Nama unter Druck.

Mahareros Plan, sowohl seine eigene Position unter den Herero als auch die Vorherrschaft seines Volkes im Land zu sichern, ging zunächst auf. Sein deutscher Verhandlungspartner war seit 1895 Theodor Leutwein, der als Kommandeur der „Schutztruppe“ und später Gouverneur die deutschen Interessen in der Kolonie vertrat. Leutwein etablierte mit geschickter Diplomatie ein System des „teile und herrsche“, in dem Verhandlungen der Vorzug vor Zwangsmaßnahmen gegeben wurde. Die Einheimischen sollten sich unter weitgehender Beibehaltung ihrer Selbstverwaltung an die deutsche Herrschaft gewöhnen. Die internen Herrschaftsansprüche der Häuptlinge wurden von Leutwein bewusst gestärkt, um die Völker besser kontrollieren zu können. Durch materielle Anreize wurden die Häuptlinge mehr und mehr zu Kollaborateuren der Kolonialverwaltung, während ihr realer Einfluss im Land mehr und mehr zurückging. Die deutsche Herrschaft festigte sich.

Das Gleichgewicht zerfällt

Doch schon ab 1897 geriet dieses „System Leutwein“ ins Wanken. Hauptgrund dafür war eine Epidemie unter den Rindern im ganzen Süden Afrikas, der die Mehrzahl des Viehs der Herero zum Opfer fiel. Damit wurde ihnen nicht nur die wesentliche wirtschaftliche Grundlage entzogen. Auch der soziale Kitt, der ihre Gesellschaft zusammenhielt, erlitt schweren Schaden. Die Rinderherden waren Symbol für Prestige und Macht. In der Folge waren immer mehr Herero gezwungen, als Lohnarbeiten für die Weißen zu arbeiten und mehr und mehr Land zu verkaufen. Das Gleichgewicht aus Kolonialmacht und einheimischen Herrschaftsstrukturen geriet durch diese wirtschaftlichen Veränderungen zunehmend in Schieflage.

Parallel dazu stieg die Zahl der Weißen im Land von 539 im Jahr 1891 auf über 4.500 im Jahr 1904. Die durch den Verlust der Herden verunsicherten Herero fühlten sich bald immer mehr in die Ecke gedrängt. Neu eintreffende Siedler waren stärker von rassistischer Ideologie geprägt als die Einwanderer der ersten Stunde.

Der Beginn des Aufstands

Übergriffe von Weißen waren bald an der Tagesordnung, die einseitige Kolonialjustiz ahndete sie kaum. Hinzu kamen die Geschäftspraktiken der weißen Kaufleute, die die Notsituation der Herero gnadenlos ausnutzten. „Wären solche Dinge nicht geschehen, wäre kein Krieg gekommen“, gab ein Herero später zu Protokoll. „Er war mit einem Male da, und da war kein Halten mehr, jeder rächte sich, und es war, als sei kein Verstand mehr unter den Massen.“

Der Aufstand der Herero wurde geschickt von langer Hand vorbereitet und traf die deutsche Obrigkeit völlig überraschend. Zwar hatten Farmer und Missionare seit Wochen beobachtet, dass die Eingeborenen Pferde, Waffen und Vorräte in großem Umfang aufkauften und sich zu größeren Gruppen zusammenschlossen, doch in Windhuk erfuhr man davon nichts. Erst als sich Anfang Januar immer mehr bewaffnete Herero beim Städtchen Okahandja versammelten, wo Samuel Maharero lebte, wurde die „Schutztruppe“ misstrauisch. Doch es war zu spät.

Am 12. Januar 1904 begann der konzertierte Angriff der Herero auf die Deutschen in ihrem Land. In der gesamten Region wurden deutsche Siedler auf ihren Farmen angegriffen und getötet – insgesamt starben 123 von ihnen in diesen ersten Tagen des Aufstands. Okahandja mit seiner kleinen deutschen Garnison wurde eingeschlossen, Windhuk selbst war bedroht.

Ein neuer Geist

Während Gouverneur Leutwein sich bemühte, die Situation so gewaltlos wie möglich in den Griff zu bekommen, kochte die öffentlich Meinung daheim in Berlin sofort hoch. Empört und aggressiv reagierten die deutsche Presse und Politik auf Verhandlungsversuche Leutweins. Am 3. Mai wurde ihm das Kommando über die „Schutztruppe“ entzogen. Berlin schickte frische Truppen und einen neuen Mann: Generalleutnant Lothar von Trotha, der sich schon in Ostafrika und China durch sein brutales Vorgehen gegen einheimische Revolten hervorgetan hatte.

Generalleutnant Lothar von Trotha, Befehlshaber der "Schutztruppe" in Deutsch-Südwestafrika, mit seinem Stab während des Herero-Aufstandes 1904. Trotha gilt als Initiator und Hauptverantwortlicher des Völkermords an den Herero.

Generalleutnant Lothar von Trotha, Befehlshaber der „Schutztruppe“ in Deutsch-Südwestafrika, mit seinem Stab während des Herero-Aufstandes 1904. Trotha gilt als Initiator und Hauptverantwortlicher des Völkermords an den Herero.

(Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 183-R27576/CC-BY-SA, via Wikimedia Commons)

Trotha brachte einen neuen Geist nach Deutsch-Südwest. „Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik“, schrieb der neue Befehlshaber an Leutwein. „Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen.“ Zwar stieß diese Haltung auf wenig Gegenliebe bei den eingesessenen Deutschen, doch ihnen war das Heft des Handelns längst entglitten. Während Leutwein direkt nach Trothas Ankunft seinen Rücktritt einreichte, rückte der von Berlin geschickte General mit gut 2.000 Mann, Artillerie und Maschinengewehren umgehend gegen die am Waterberg versammelten Herero vor. Am 11. August kam es dort zur Entscheidungsschlacht. Trotha versuchte, die Herero einzukesseln und zu vernichten.

„Der Feind, der mit außerordentlicher Zähigkeit kämpfte, erlitt, trotz sehr gewandter Aufstellung im dichtesten Dornbusch, schwere Verluste“, berichtete Trotha nüchtern am Tag darauf nach Berlin. „Tausende von Vieh erbeutet. Zersprengt und im Rückmarsch nach allen Seiten begriffen, bewegt sich die Hauptmasse des Feindes nach Osten.“ Die Herero waren dem Einkesselungsversuch entkommen und in die Omaheke-Wüste geflohen.

Der deutsche Sündenfall

Es war der Auftakt des wohl dunkelsten Kapitels deutscher Kolonialgeschichte. Trothas Truppen besetzten die Wasserstellen am Rand der Wüste, und der General schickte eine Botschaft an die Herero: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen Deutschen Kaisers.“

Durch die deutschen Waffen vom rettenden Wasser isoliert, starben die Herero in der Wüste. Verzweifelt versuchten sie sich nach Südosten ins britische Mandatsgebiet durchzuschlagen. Nur wenigen gelang es.

So geriet Trothas „Niederschlagung“ des Herero-Aufstands zum ersten systematischen Völkermord des 20. Jahrhunderts. Von den zuvor geschätzten 80.000 Herero lebten 1911 noch ungefähr 15.000. Selbst die rassistisch aufgeputschte Öffentlichkeit im Deutschen Reich war entsetzt, im November 1905 wurde Trotha von seinem Posten abberufen.

Für die überlebenden Herero blieb das Trauma von Tod und Vertreibung, das sie seitdem am Jahrestag der Schlacht vom Waterberg als Gedenktag begehen. 1948 erkannte die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Ereignisse um die Niederschlagung des Herero-Aufstands als Völkermord an. Die Bundesregierung verweigert eine entsprechende Anerkennung bis heute.

veröffentlicht am 12. Januar 2014

Lesetipps zum Thema:

Webtipps:

Literaturtipps:

  • Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003.
  • Gisela Graichen/Horst Gründer: Deutsche Kolonien. Traum und Trauma, Berlin 2005.
  • Medardus Brehl: Vernichtung der Herero. Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur, Paderborn 2007.
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Mirko Gründer ist Freier Journalist und Initiator von Historeo. Er hat Geschichtswissenschaft und Philosophie studiert und sich eingehend mit den religiös motivierten Konflikten in Geschichte und Gegenwart auseinandergesetzt.

3 Kommentare

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      Nein, keine Vermutung von mir. Die Zahlen basieren auf Schätzungen der deutschen Kolonialverwaltung und werden, soweit meine Recherchen reichen, in der modernen Sekundärliteratur nicht allzu kontrovers diskutiert. Eine knappe Übersicht der Debatte finden Sie bei Jan Jansen, „Die Aufstände von Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika und die Kolonialkritik im Kaiserreich“, München 2004, S. 11f. (Text im Netz)

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